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APA-Artikel 12. Dezember 2014

HCB - Prettner: "Kriminelles Vorgehen, das mich erschüttert"

Kärntens Gesundheitslandesrätin Beate Prettner (SPÖ) hat in der Vorgängerregierung als Umweltreferentin den Bescheid zur Verbrennung von HCB-belastetem Blaukalk im Zementwerk Wietersdorf im Görtschitztal genehmigt. Im APA-Interview äußerte die Politikerin am Donnerstag den Verdacht, dass "ein kriminelles Vorgehen" der Zementwerkbetreiber für den HCB-Skandal verantwortlich ist.

Das Werk begann 2012 den mit HCB belasteten Blaukalk aus der Altlastendeponie K20 der Donau Chemie bei Brückl zu verarbeiten. Die Altlast sei ein "Hotspot" in Kärnten gewesen, sagte Prettner. "Es hatte höchste Priorität, diese Altlast fachgerecht zu entsorgen." Man habe gewusst, wie der "einfache Prozess" abläuft. Es musste nur eine Verbrennung bei hoher Temperatur vorgeschrieben werden. "Das wurde mir auch von den Sachverständigen so vermittelt, dass bei Einhaltung dieser Vorgabe - Verbrennung ab 850 Grad aufwärts - diese Ringstruktur knackt." Die Giftstoffe würden so "zu harmlosen Substanzen" zerfallen.

Es sei im Bescheid klar festgelegt worden, dass der Blaukalk nur an einer genau definierten Stelle eingebracht werden dürfe, sagte Prettner. "Wenn man das einhält, ist mir vermittelt worden, dann ist das die Lösung für diese Altlast. Bei mir hat die Freude überwogen, dass wir hier mit einem einfachen Prozess etwas Gefährliches beseitigen können und auch für die Umwelt etwas Gutes tun." Auf die Frage, ob sie den Bescheid auch aus heutiger Sicht als völlig in Ordnung bezeichnen würde, antwortete Prettner ausweichend: "Nach meinem damaligen Wissensstand bin ich mir nicht bewusst, etwas Falsches getan zu haben."

Die "Altlast K20", die Deponie der Donauchemie, von wo der HCB-belastete Blaukalk stammt, wird auf der Website des Umweltbundesamts beschrieben. In der Zusammenfassung sind drei Schadstoffe genannt: CKW, Hexachlorbutadien, Hexachlorbenzol. Auf die Frage, ob HCB damals, als man Wietersdorfer den Zuschlag für die Blaukalkverwertung erteilte, Thema war, sagte Prettner: "Es ist um chlorierte Kohlenwasserstoffe gegangen (...) aber es sind auch Schwermetalle drinnen, es ist um viele Stoffe gegangen, die letztlich hier beseitigt werden sollten. Was mir vermittelt wurde: Wenn wir die Dioxine messen, die die hartnäckigsten Substanzen in der Verbrennung sind, wenn man die nicht nachweisen kann, dann gibt es keinen Nachweis von anderen Stoffen wie HCB."

Laut Prettner fanden laufend Emissionsprüfungen im Zementwerk statt. "Es wird in diesem Betrieb laufend kontrolliert. Nach meinem Wissensstand sind es 36 Stoffe, die laufend kontrolliert werden in unterschiedlichen Zeitabständen. Da gibt es tägliche, wöchentliche, monatliche, halbjährliche und anlassbezogene Messungen." Die 36 gemessenen Schadstoffe seien jene, "die in diesem Betrieb aufgrund seiner speziellen Gegebenheiten vorgeschrieben sind". Warum wurde HCB nicht explizit kontrolliert wurde, obwohl es in der Altlastenbeschreibung so prominent genannt wird? "Mir wurde es so vermittelt, dass das mit der Messung von Dioxinen sichergestellt ist."

Es steht im Raum, dass im Zementwerk mehr verbrannt wurde, als möglich gewesen wäre, wenn der Blaukalk an der korrekten Stelle eingebracht worden wäre. "Das habe ich nicht persönlich kontrolliert. Ich gehe davon aus, dass mit der Abteilung bzw. auch bei der Abgabe zwischen Brückl und Wietersdorf hier die Schritte gelaufen sind." Das seien aber Fragen, die nicht Prettner als Politikerin sondern die Staatsanwaltschaft beantworten werde. "Da geht es aus meiner Sicht um ein kriminelles Vorgehen, das mich zutiefst erschüttert. Wenn das wirklich nicht eingehalten wurde, noch dazu von einem Betrieb, der eine historische Belastung in dieser Region schon hat." Auf dem Gelände des Zementwerks wurden bis Ende der 1970er-Jahre Asbest verarbeitet. Viele erkrankten in der Folge an Lungenkrebs. "Ich bin davon ausgegangen, dass dieser Betrieb mit hoher Sorgfalt mit diesen hochtoxischen Substanzen umgeht."

Inzwischen werde vonseiten des Werks ja wieder behauptet, dass nichts passiert ist und der belastete Kalk "mehr oder weniger" korrekt verbrannt wurde. Insgesamt sei die Datenlage nicht eindeutig: "Ich muss Ihnen auch sagen: Wir haben derzeit Daten, die auch für mich in der Gesamtheit noch nicht schlüssig sind." Prettner berichtete von Milchproben von Bauern 500 Meter neben dem Werk, "der eine hat unbelastete Milch mit überhaupt keinem Nachweis, der andere hochbelastete und einer mit Grenzwert." Für sie sei nach wie vor nicht schlüssig, was passiert sei, sagte Prettner. "Als Ärztin tue ich mir schwer, unter diesen Umständen seriöse Angaben zu machen."

Ob der Skandal vonseiten der Politik zu verhindern gewesen sei, konnte Prettner nicht sagen. "Ich bin davon ausgegangen, dass so etwas überhaupt nicht passiert." Jetzt wisse sie, dass man offensichtlich bei jedem Bescheid ein Misstrauen haben müsse. "Wir müssen die Kontrollen absolut verschärfen."

Die Gefahrensituation einzuschätzen, sei nach wie vor schwierig. "Es ist aber tagtägliches Dazulernen." Momentan wisse sie, dass es keine toxischen Mengen sind, die im Görtschitztal vorliegen. "Die gesundheitliche Auswirkung dürfte nach meinem derzeitigen Wissensstand nicht so gravierend sein, wie man das, wenn man es googelt, und ungefiltert sieht. Dann bekommt man Angst. Wenn man weiß, was wir derzeit an Proben da haben, sind wir wirklich in einem ganz, ganz minimalen Bereich." Derzeit seien über 1.000 Proben in Auswertung. "Den Überblick werden wir erst in ein paar Wochen haben."

apa.at

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