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APA-Artikel 27. Oktober 2014

Lernen als Kraftquelle - Schule für Kranke mit besonderem Auftrag

Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Junge Krebspatienten, Kinder mit Sprachstörungen oder seelischen Wunden: Brauchen sie eine längere klinische Behandlung, fehlen sie daheim im Unterricht. Da zeigt sich der Wert der Schulen für Kranke.

Unverzichtbar für viele Tausend Kinder und Jugendliche - und dennoch weitgehend unbekannt: Die Schulen für Kranke haben einen besonderen Auftrag und ungewöhnliche Konzepte. Sie fangen Jungen und Mädchen auf, die eine längere Klinik-Behandlung brauchen und daheim über viele Wochen oder Monate im Unterricht fehlen. Dabei geht es um mehr als die Kernfächer Mathe, Deutsch oder Englisch. Das weiß die Paul-Martini-Schule (PMS) in Bonn, ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis. "Lernen kann Kraftquelle sein. Und Kraft brauchen die Schüler, auch um ihren Genesungswillen zu stärken", sagt Schulleiterin Elfriede Link.

Laut Bildungsbericht gibt es bundesweit 137 solcher Schulen. Mit verschiedenen Schwerpunkten, bis hin zu einer Einrichtung, die auf Epilepsiekranke spezialisiert ist. Die Rolle beschreibt ein Sprecher der Kultusministerkonferenz: Es gehe darum, "Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der kranken Kinder und Jugendlichen unter Anerkennung individueller Leistungsmöglichkeiten und -grenzen zu stärken." Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann, aktuell KMK-Präsidentin, betont: "Gerade für chronisch kranke Kinder und Jugendliche sind diese Schulen wichtig, denn sie geben ihnen ein Stück Normalität in einer schwierigen Lebenssituation."

In die Bonner Paul-Martini-Schule kommen Jugendliche aus der Psychiatrie, Kinder mit Sprach- und Entwicklungsstörungen, mit Autismus, krebskranke Schüler, Stotterer, junge Asthma- oder Rheumapatienten. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und ein straffes medizinisch-therapeutisches Klinik-Programm zu bewältigen. Ein "Schema F" kann es für sie in der Schule nicht geben, auch wenn man sich an den Vorgaben der Stammschule orientiert. Je nach Befinden, Belastungsfähigkeit und Lernpotenzial wird in Abstimmung mit Klinik und Heimatschule ein individueller Unterrichts- und Förderplan entworfen. "Das geht flott und qualifiziert", sagt Link. Muss es auch, denn die Schüler wechseln dauernd. Neue kommen. Stabile gehen.

An der Paul-Martini-Schule werden jedes Jahr 750 Kinder unterrichtet, etwa 130 am Tag, von 26 Lehrern, fast alles Sonderpädagogen. Die Lerngruppen sind klein - je fünf bis zehn Kinder aus zwei Jahrgängen. Die Kurse laufen schulformübergreifend. Zwei bis sechs Unterrichtsstunden täglich sind die Regel. Einmal pro Woche ist aktiver Werkstatttag: In vielen Angeboten wie einer Forscher-AG, im Trickfilmstudio, Radio- oder Fotoprojekt können Selbstbewusstsein und Energie wachsen.

Neuntklässlerin Anna aus der Jugendpsychiatrie hat sich für das Projekt Kunstatelier entschieden, ist stolz auf ihr großes Aquarell. "In meiner Schule zuhause hatte ich Probleme mit meinem Mitschülern, mit allem. Hier kann ich gut lernen." Die 15-jährige Marie, seit sechs Monaten wegen Essstörungen in Behandlung, erzählt: "Ich fühle mich wohl, ich bin bald so weit. Meine Heimatschule schickt mir schon Unterrichtsmaterial, damit ich hier zusätzlich Klassenarbeiten schreiben kann."

Kinder, die es nicht ins Schulgebäude schaffen, werden von den Lehrern auch in der Klinik oder direkt am Krankenbett, etwa in der Krebsstation, unterrichtet. Arbeits-, Sozialverhalten und Fortschritte der Schüler werden dokumentiert, der Heimatschule Zeugnisnoten vorgeschlagen, wie Lehrerin Sabrina Nolte berichtet. Ziel ist es, den Anschluss zum Unterricht der Heimatschule zu halten und die Kinder dauerhaft wieder in ihren normalen Alltag einzugliedern.

Regelmäßige Aufführungen gehören zum Programm. Schüler präsentieren dann die Ergebnisse ihrer Werkstatt-Arbeiten. Einige Jungen und Mädchen trauen sich auf die kleine Bühne, die anderen lauschen, applaudieren, singen mit - alles nicht selbstverständlich bei Schülern, die schwer erkrankt sind, depressiv oder voller Angst, die mitunter Gewalterfahrungen hinter sich haben. Man spürt Wertschätzung und Ermutigung. Konrektorin Maria Zingsem sagt: "Die Schüler erfahren, dass sie etwas schaffen können. Sie haben Erfolgserlebnisse und fühlen sich wertvoll."

apa.at

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