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APA-Artikel 16. Oktober 2014

"Dachschaden" - Neurochirurginnen bezichtigen eigene Berufsgruppe

Missstände in neurochirurgischen Abteilungen Österreichs und Deutschlands wollen die Neurochirurginnen Marion Reddy und Iris Zachenhofer in dem nun herausgekommenen Buch "Dachschaden - Zwei Neurochirurginnen decken auf" publik machen. "Unseriös" lautet dazu das Urteil des Präsidenten der österreichischen Fachgesellschaft, Manfred Mühlbauer.

Das Buch wurde am Donnerstag in Wien präsentiert. Die Autorinnen arbeiteten an der neurochirurgischen Universitätsklinik in Wien, dann an der entsprechenden Abteilung am LKH Feldkirch (Vorarlberg). Marion Reddy ist weiterhin in diesem Fach in Toulouse in Frankreich tätig. Die Ärztinnen entwerfen in dem Band das Bild einer karrieresüchtigen Zunft, in der es ihrer Meinung nach um Operationszahlen, "interessante Patienten", Narzissmus und möglichst spektakuläre Eingriffe geht. Dabei kämen Patienten auch unnötigerweise unter das Skalpell und würden zum Teil Schaden erleiden.

Unter österreichischen Neurochirurgen - erst vor wenigen Tagen feierten die Fachgesellschaft und die neurochirurgische Universitätsklinik in Wien ihren 50. Geburtstag - äußerte man sich gegenüber der APA ausgesprochen negativ zu dem Buch. Von "Wadlbeißerei" und "Retourkutsche" sprach einer von ihnen.

Und so lautet die Stellungnahme des Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Neurochirurgie (ÖGNC), Manfred Mühlbauer, gegenüber der APA: "Man kann auf verschiedene Weise die emotionelle Belastung einer Facharztausbildung verarbeiten. Man kann auch ein Buch schreiben, einen Roman, oder ein Sachbuch. Aber hier wird beides vermengt, und es werden dem Leser persönliche Befindlichkeiten als Fakten verkauft. Das ist unseriös."

"Neurochirurgen üben ihre Macht noch universeller aus als die Mediziner aller anderen Fachrichtungen", meinen hingegen die Autorinnen. Dementsprechend ziehe die Neurochirurgie Menschen an, die Persönlichkeitsdefizite mit dieser "gottgleichen" Stellung auszugleichen versuchten. "Sie brauchen den Kick des Risikos, das Spiel mit den Schicksalen, die sich unter ihren Händen entscheiden", so die beiden Ärztinnen.

(S E R V I C E: Marion Reddy und Iris Zachenhofer: "Dachschaden - Zwei Neurochirurginnen decken auf", edition a; 175 Seiten, 19,95 Euro)

apa.at

  • Frau Dr. med. Bernadette Grohmann-Németh, 22.10.2014 um 22:49:

    „Als Ärztin (die selbst nicht mehr im Spital arbeitet), Schriftstellerin (die selbst mehrere Bücher verfasst hat) und Journalistin (die immer versucht, auch die Gegenseite zu sehen) traue ich mir genügend Kompetenz zu, das Buch als fachlich und literarisch nicht besonders lesenswert zu beurteilen. Seitdem ich vor eineinhalb Jahren von einem jungen Neurochirurgen in einem Wiener Spital vor einer bereits begonnenen, progredienten Querschnittlähmung (!) gerettet wurde, kann ich auch die absolut verallgemeinernde Polarisierung und das Herziehen über eine gesamte, hoch spezialisierte Fachgruppe - als Patientin, die selbst ihre Erfahrungen gemacht hat - nicht nachvollziehen. Bei mir diagnostizierte ein Neurochirurg nach mehreren (!) Fehldiagnosen von Orthopäden, die die Symptome bagatellisiert hatten, den großen medianen Discusprolaps, der zu Lhermitte-Zeichen, Lähmungen, einer progredienten Gangstörung und beginnenden Querschnittzeichen geführt hatte, und das Rückenmark bereits stark gequetscht hatte - gleich mehrere Ärzte anderer Fachrichtungen hatten das im Vorfeld nicht erkannt bzw. nicht richtig eingeschätzt. Er war der erste, der neurologische Symptome überhaupt korrekt überprüfte und mich auch umgehend operierte, so dass ich heute wieder völlig gesund bin. Ohne ihn hätte ich gute Chancen, jetzt im Rollstuhl zu sitzen. Ich habe als Journalistin in mehreren Medien über meinen Fall geschrieben. Was für mich besonders bemerkenswert war: Der Neurochirurg war nicht nur fachlich und chirurgisch, sondern auch menschlich ausgesprochen kompetent und zählt für mich zu den (wenigen!) Vorbildern, die ich in meiner medizinischen Laufbahn hatte. Er gehört zu den wenigen Ärzten, die wirklich mit Patienten reden können, Mitgefühl zeigen und Patienten motivieren - obwohl er Neurochirurg ist. Insofern kann ich mich aus eigener Erfahrung über den doch sehr verallgemeinernden "Rachefeldzug" gegenüber einer hart arbeitenden Berufsgruppe nur wundern und werde aufgrund der Einseitigkeit darauf verzichten, dieses Buch positiv zu rezensieren. Dr. B. Grohmann-Nemeth“

  • Frau Dr. Anni Meier, 24.10.2014 um 19:37:

    „Was hier vorliegt, ist eine lieblos zusammengeschusterte Sammlung hasserfüllter Anekdoten - weder Roman, noch Sachbuch. Es fehlt nämlich sowohl Spannungsbogen der Handlung, als auch eine sachliche Argumentation; stattdessen wird auf 175 Seiten ausführlich erläutert, wieso die Berufsgruppe, der man früher einmal angehört hat, aus lauter Trotteln, Psychopathen, Süchtigen und (wirklich schlimm!) potenziellen Mördern besteht. Schon das alleine sollte misstrauisch machen - das Buch ist aber auch sprachlich mangelhaft. Wieso die Autorinnen die Buchstabenkombination "MR" immer groß schreiben (auch in "heruMRotzen", StroMRechnung"), verstehe ich nicht, vielleicht hat der Verlag aber auch das Lektorat eingespart, weil er zeitgleich zu sehr mit dem Buch der "Wut-Oma" beschäftigt war. Kaum zu glauben, dass die Autorinnen Ärztinnen sind. Ausserdem bekommt man von der Farbe des Covers Kopfschmerzen - kennt jemand einen guten Neurochirurgen?“

  • Frau Mag. Gyulane Lang, 26.10.2014 um 22:56:

    „Eine Neurochirurgin, die nicht mehr in Österreich arbeiten darf, sowie eine Psychologin, die das noch tut, schreiben also ein ganz großes "Aufdeckerbuch". In dem es darum geht, dass alle Neurochirurgen geldgierige Psychopathen sind. Der Stil ist gespickt mit - leider oft falsch geschriebenen - Schimpfwörtern, doch trotz herzzerreissender Patientengeschichten, mit denen der ganze Mischmasch gewürzt ist, will man den Autorinnen nicht so recht glauben. Zu sehr riecht das alles nach einem Rachefeldzug, der - warum eigentlich? - in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Als (möglicher) Patient fühlt man irgendwann eines: Man fühlt sich belästigt. Wenn die Autorinnen von sich selbst schreiben, dass sie "hysterisch herumkreischen", "Pager auf den Tisch knallen" und medizinische Geräte als "putain de merde" beschimpfen, kommt man nicht umhin, das Grauen, das man vor einem Fachgebiet angeblich empfinden soll, vor den Autorinnen zu empfinden. Interessant ist auch, dass ein österreichischer "unabhängiger Gesundheitsökonom", der wortwörtlich zugibt, das Buch gar nicht gelesen zu haben, in den Nachrichten darüber parliert, dass "diese Bild stimmen könnte". Interessant, wie sehr die Medien auf diesen Rachefeldzug zweier offenbar gescheiterten Neurochirurginnen hereingefallen sind und über dieses Machwerk - einem litarischen Kunstfehler sondergleichen - überhaupt berichtet haben.“

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