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APA-Artikel 30. September 2014

Trotz Manipulation: Hoffen auf mehr Vertrauen in Organvergabe

(Von Ulrike von Leszczynski, dpa)

Wer mit der nächsten Skandalflut rechnete, wurde enttäuscht: Bei Organvergabe-Kontrollen in deutschen Kliniken sind Prüfer nur einmal auf systematische Manipulation gestoßen - am Deutschen Herzzentrum in Berlin. Das hatte sich schon selbst angezeigt.

Es war buchstäblich eine Prüfung auf Herz und Nieren: Zum zweiten Mal nach dem Organspende-Skandal in Göttingen haben Kontrolleure Transplantationen an deutschen Kliniken unter die Lupe genommen. Dabei entdeckten sie mit dem Deutschen Herzzentrum in Berlin erneut ein schwarzes Schaf: In bisher 14 Fällen haben Ärzte dort Patientendaten systematisch manipuliert, um den Schwerkranken bessere Chancen auf ein Spenderorgan zu eröffnen, berichtete die Prüfungskommission am Dienstag in Berlin. Zu dieser schlechten Nachricht kommt aber auch eine gute: Nach Einschätzung der Kontrolleure gab es bei allen anderen überprüften Kliniken nur wenige, kleine Fehler - und keine absichtlichen Täuschungen.

Damit verbinden die Prüfer die Hoffnung, dass die Bundesbürger wieder mehr Vertrauen in die Organvergabe fassen - und auch wieder mehr Organe spenden. Denn die entdeckten Manipulationen und die Organspende sind fatal miteinander verknüpft. Seit den Ermittlungen und Berichten hat die Organspende-Bereitschaft in Deutschland einen drastischen Tiefstand erreicht.

"Mehr Transparenz ist da", betonte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer. Der Strafrechts-Professor war entsetzt, als 2012 der erste Verdacht auf Göttingen fiel. Er sieht das System nach diesem Schock aber grundlegend geläutert. Statt eines Arztes wache heute ein 8- bis 12-Augensystem über eine Aufnahme auf Organ-Wartelisten. "Das ist kein undurchsichtiger Gnadenakt wie manche Patientenschützer glauben", sagte Lilie.

Er geht davon aus, dass Kliniken Krankenakten im Nachhinein nicht "frisieren" können, um Manipulationen zu verbergen. So ergebe sich durch die Prüfungen ein realistisches Bild. "Ein ganz positives Fazit", urteilt Anne-Gret Rinder, Vorsitzende der Prüfungskommission der Bundesärztekammer. Allerdings können die Prüfer nur Stichproben machen. Die Juristen im Kontrollteam geben auch offen zu, dass sie auf den Sachverstand von Ärzten angewiesen sind, die Ärzte kontrollieren.

Das Grundproblem, das es bereits vor dem Skandal gab, ist aber ein anderes - und es bleibt: Es gibt viel zu wenige Spenderorgane. Wären es mehr, würde der Druck auf eine schwierige ethische Frage gemindert: Welcher schwerst kranke Patient darf weiterleben? Und wer muss trotz Dringlichkeitslisten und guten Erfolgsaussichten sterben?

Über die Gründe für die nachgewiesenen Manipulationen an Kliniken können die Kontrolleure bisher auch nur rätseln. Die Frage nach dem Warum habe sich auch beim Deutschen Herzzentrum bisher nicht klären lassen, sagte Anne-Gret Rinder. Die Klinik hatte sich bereits im August nach Kontrollen selbst bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Die ermittelt bereits wegen versuchten Totschlags.

Nur soviel ist bisher klar: Privatpatienten wurden nicht bevorzugt. Sechs Patienten bekamen zeitweise unnötig hoch dosierte Medikamente, damit sie besser in die Raster der Warteliste auf Organe passten. Auch in Göttingen soll es früher nicht um Geld gegangen sein. Wenn Kliniken Vorteile haben, kann es eher um Karrieren oder Transplantationszahlen gehen. Vielleicht auch manchmal um Mitleid mit Patienten.

Inzwischen hat der Mangel an Organen zur Folge, dass mehr gesunde Menschen zu ihren Lebzeiten spenden - zum Beispiel eine Niere. Nicht immer endet das glücklich. Ruth Rissing-van Saan, Leiterin der Vertrauensstelle Transplantationsmedizin, spricht von einem tragischen Fall. Eine Frau spendete ihrem Mann eine Niere. Zeitgleich mit der Transplantation wurde ihm zusätzlich ein Tumor entfernt - ein sehr hohes Risiko für eine OP. Zu hoch, wie sich zeigte. Wenige Monate später war der Mann tot. Gegen die Klinik liefen nun Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, sagt Rissing-van Saan.

Manche Menschen glauben nach ihrem Bericht auch nicht, dass die Hirntod-Diagnostik bei ihren Angehörigen vor einer Organspende sauber gelaufen ist. Auch zwölf Beschwerden darüber werden nun überprüft, Ergebnisse gibt es noch nicht. Wenn das Vertrauen aber schon hier versagt, ist bei der komplizierten Kette der Organvergabe von Anfang an Sand in Getriebe.

Insgesamt bleibt deshalb auch die Frage, ob das Wissen über den gesamten Komplex Organspende in Deutschland schon groß genug ist. Der Engpass führt bereits dazu, dass der Anspruch von Asylbewerbern oder Patienten aus dem arabischen Raum nach Transplantationen in Deutschland misstrauisch hinterfragt wird, sagt Rissing-van Saan. Bisher hätten sich aber auch hier keine Anhaltpunkte für Verstöße gegen Richtlinien ergeben.

apa.at

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