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APA-Artikel 18. August 2014

Lange Suche nach der Wahrheit im Transplantations-Skandal

Lässige Kleidung, schwungvoller Schritt, freundliches Nicken, ein Lächeln hier, ein Händedruck da. Wenn der Transplantations-Chirurg den Verhandlungssaal im Landgericht Göttingen betritt, wirkt er meist ganz locker.

Ob die nach außen gezeigte Zuversicht des Mediziners echt ist, scheint aber zumindest zweifelhaft. Die Staatsanwaltschaft erhebt auch nach einem Jahr Prozess um den Transplantations-Skandal an der Göttinger Uniklinik schwere Vorwürfe. Der ehemalige Chef der Transplantations-Chirurgie soll in elf Fällen versuchten Totschlag und in drei Fällen Körperverletzung mit Todesfolge begangen haben. Die Verteidiger halten die Anklage für abwegig. Das Schwurgericht unter der Leitung von Ralf Günther ist mit der Wahrheitsfindung noch nicht am Ende.

Das Göttinger Verfahren gilt als richtungsweisend für die juristische Aufarbeitung weiterer Verstöße bei Organtransplantationen. Die Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer hatte Delikte auch an drei anderen Zentren in Deutschland festgestellt.

Zwar haben die Richter seit Beginn des Prozesses am 19. August 2013 an mehr als 40 Verhandlungstagen schon rund 70 Zeugen angehört und ein halbes Dutzend Sachverständige befragt - viele davon sogar mehrfach. "Doch dabei wird es nicht bleiben", sagt Gerichtssprecher Michael Kalde. Es seien weitere Zeugen und Sachverständige geladen. "Die Kammer kalkuliert derzeit mit mindestens zehn weiteren Verhandlungstagen", sagt Kalde. Bis mindestens Ende Oktober werde weiter verhandelt. Ob dann ein Urteil zu erwarten ist, sei offen.

Am Ende müssen die Richter darüber entscheiden, ob der Chirurg zu Unrecht Lebern transplantiert hat und dabei eigenen oder fremden Patienten geschadet oder sogar schuldhaft zu deren Tod beigetragen hat. Dabei geht es um zwei Gruppen von Vorwürfen.

Zum einen soll der Chirurg Vorschriften missachtet und falsche Angaben gemacht haben, damit seine Patienten zu Unrecht Spenderlebern erhalten konnten. So sollen einige Organe bekommen haben, obwohl sie die vorgeschriebene sechsmonatige Alkoholabstinenz nicht eingehalten hatten. Auch habe der Arzt medizinische Werte manipuliert und Patienten als kränker dargestellt, als sie tatsächlich waren.

In elf Fällen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, seien Patienten dadurch auf der Warteliste von Eurotransplant unzulässig nach vorne gerutscht und haben schneller Spenderlebern erhalten. Weil wegen der Falschangaben andere schwer kranke Patienten auf der Warteliste zurückgerutscht und deshalb möglicherweise gestorben seien, wertet die Staatsanwaltschaft diese Fälle als versuchten Totschlag. Seit Jahresbeginn geht es vorwiegend um diese elf Fälle. Die Ankläger gehen davon aus, dass Zeugenaussagen den Arzt belasten.

Die Verteidigung weist die Vorwürfe zurück: Es habe keine Manipulationen gegeben. Außerdem seien die Richtlinien der Bundesärztekammer fragwürdig, wonach alkoholkranke Patienten eine Spenderleber erst nach einem halben Jahr Abstinenz bekommen dürfen. Es gebe dafür keine zwingenden medizinischen Gründe, stattdessen werde das Lebensrecht alkoholkranker Leberpatienten beschnitten.

Im zweiten Komplex geht es um den Vorwurf, der Chirurg habe drei Patienten Spenderlebern ohne ausreichende medizinische Indikation übertragen. Diese Patienten seien zudem nicht ausreichend aufgeklärt gewesen. Weil sie später gestorben waren, wirft die Staatsanwaltschaft dem Arzt Körperverletzung mit Todesfolge vor. Der Mediziner und seine Verteidiger sehen auch dies anders: Die Übertragungen seien lebensnotwendig und damit gerechtfertigt gewesen.

Ende 2013 hatte Richter Günther zu erkennen gegeben, dass der Arzt wegen einem dieser drei Fälle mit einer Verurteilung rechnen müsse, allerdings nicht wegen einer vorsätzlichen, sondern lediglich wegen einer fahrlässigen Tat.

Die Affäre dürfte nach Abschluss des jetzigen Prozesses noch nicht vorbei sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten auch gegen einen Leberspezialisten der Göttinger Universitätsmedizin, mit dem der angeklagte Chirurg eng zusammengearbeitet hatte. Eine Anklage gilt als wahrscheinlich.

Von Matthias Brunnert

apa.at

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