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APA-Artikel 23. Juli 2014

Vorsicht vor Herz-OPs - Was sich an den Kliniken verbessern kann

Atemnot, Enge in der Brust, Todesangst - bekommt das Herz nicht genug Blut, sollte man lieber früher als später zum Arzt. Doch sind die boomenden Stents immer die richtige Antwort? Experten hegen Zweifel.

Körperliche Arbeit an frischer Luft und Sport hat Martin H. zwar regelmäßig gemacht, doch geraucht hat er. Nun hat der 48-Jährige eine der verbreitetsten Volkskrankheiten in Deutschland bekommen - eine riskante Verengung der Herzkranzgefäße. Wie Hunderttausenden anderen setzen die Ärzte ihm im Krankenhaus Stents in die Kranzarterien ein, kleine Gittergerüste, die gedehnt werden und die Gefäße offen halten sollen. Die Behandlung mit Stents boomt - nun meldet die Krankenkasse Barmer GEK Zweifel daran an, dass die Therapie immer die beste Wahl ist. Sie stützt sich dabei auf ihren neuen Krankenhausreport 2014.

Martin H., dessen Fall die ARD in einer Wissenssendung zeigte, hatte zwar deutliche, aber wenige Engstellen in den Kranzarterien. Seit der Diagnose wollte er vor allem eines: Nicht mehr an sein Herz denken müssen. An die hunderttausend Mal am Tag pumpt das menschliche Herz mit Sauerstoff angereichertes Blut durch den Körper - und muss dafür selbst gut mit Blut versorgt sein. Sind die Herzarterien verengt, droht ein Herzinfarkt. Während die Ärzte Martin H. die 33 Millimeter langem Stents in die Arterien schieben, ist er bei Bewusstsein. Hinterher ist er zufrieden: "Die Schmerzen, die ich früher hatte, die hab' ich nicht mehr." Doch wird die Zufriedenheit anhalten?

Für 2013 registriert der neue Klinikreport drei Mal so viele Behandlungen mit Stents, die mit Medikamenten beschichtet sind, als noch acht Jahre zuvor. 204 402 Fälle waren es vergangenes Jahr. Vor allem Patienten mit vielen und an ungünstigen Stellen gelegenen Ablagerungen brauchen nach wie vor eher einen Bypass, für den der Brustkorb geöffnet werden muss - die Zahl dieser komplizierten Eingriffe sank seit 2005 um 24 Prozent auf 52 951 Fälle.

Stents sind vergleichsweise schonend - wo schlummern mögliche Probleme? Frühere Studien mit bestimmten Patientengruppen zeigen, dass diese mit Medikamenten beschichteten Implantate einen wichtigen Zweck zu erfüllen scheinen: Sie senken die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten bald wieder behandelt werden müssen, gegenüber den anderen Methoden deutlich auf 3 bis 4 Prozent. Gemessen wurden diese Raten in Studien, die Patienten zwischen 6 und 60 Monate beobachteten.

Doch dieser gute Effekt tritt in der Realitiät offenbar nicht immer ein. Die Auswertung der Erfahrungen der Barmer-GEK-Versicherten zeigt nun laut den Studienautoren, dass 14,6 Prozent der Stent-Patienten binnen eines Jahres erneut therapiert werden müssen. Nach fünf Jahren ist es sogar jeder Dritte - bei Bypass-Patienten hingegen nur jeder Fünfte. Mögliche Alternativen: Medikamente, mehr Bewegung, Gewichtsverminderung, Physiotherapie.

Welche Rolle spielt das Geld? Der Einsatz von Stents ist viel günstiger als eine Bypass-OP - mit rund 5500 statt knapp 20 000 Euro, wie Studienautorin Eva Maria Bitzer sagt. Deshalb scheint der Vorwurf an die Kliniken ins Leere zu laufen, dass sie die Behandlungszahlen aus finanziellem Eigeninteresse in die Höhe treiben. Barmer-GEK-Vizechef Rolf-Ulrich Schlenker meint dennoch: "Es kann sein, dass den Preis die Menge macht." Denn die Stents seien für die Kliniken heute recht günstig - ihr Einsatz könnte sich also lohnen.

Immer wieder fordern unabhängige Experten und Kassenvertreter mehr Spezialisierung. Planbare Eingriffe - dazu zählen die fraglichen Herz-Behandlungen - sollten stärker auf besonders gute Häuser konzentriert werden. Bei den Bypässen ist das schon so, nur knapp 70 der rund 2000 Kliniken bieten das an. Die mehr als 800 Häuser, die schonendere Verfahren zur Weitung der Herzgefäße anbieten, sind laut Bitzer eher zu viele.

Seit Mai verhandeln Bund, Länder und Koalitionsexperten unter Ausschluss der Öffentlichkeit über eine Klinikreform. Angekündigt ist ein großer Wurf. Doch werden die Länder bereit sein, die Zahl ihrer Kliniken mit großem Spektrum an planbaren Operationen zu senken? Und werden die Geldanreize für diese Eingriffe wirklich zugunsten von Notfall-Versorgung verkleinert, wie es Verbraucherschützer fordern. Zumindest der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn schlägt forsche Töne an: "Schwere und auch risikoreiche Eingriffe aus finanziellen Gründen sind nicht akzeptabel."

apa.at

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