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APA-Artikel 24. Juni 2014

"Ein Armutszeugnis" - Hebammen kritisieren Arbeitsbedingungen

Von Söhnke Callsen, dpa

Geringe Bezahlung, hohe Versicherungsprämien: Die freiberuflichen Hebammen in Deutschland sind unzufrieden mit ihrer Lage. Im Bundestag machen sie ihrem Ärger Luft.

"Auch keine Hebamme gefunden?" Das kleine rosa Schild mit der weißen Aufschrift ist schon etwas zerknittert. Trotzdem hält Brigitte Bremer es tapfer hoch. Die 55-Jährige Hebamme ist extra von Essen nach Berlin gekommen, um sich bei der Politik zu beschweren.

Bremer und andere Hebammen sind wütend über ihre Arbeitsbedingungen. Sie beklagen zu geringe Löhne und hohe Haftpflichtkosten. Ihr Forum: der Petitionsausschuss des Bundestages. Der befasste sich am Montag mit dem Thema. Sabine Schmuck, eine Hebamme aus Ingolstadt, hatte die Beschwerde ins Rollen gebracht.

Ihre Petition, die von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mehr Hilfe für Hebammen fordert, unterzeichneten mehr als 52 000 Menschen. Schmuck spricht von einem Armutszeugnis für den Staat und nicht hinnehmbaren Zuständen in ihrem Berufsstand. Sie fragt: "Wenn wir Banken retten können, warum keine Geburtshilfe?" Grund für die Wut der Hebammen sind besonders die hohen Haftpflichtprämien, die sie zahlen müssen.

Hintergrund: Erleiden Baby oder Mutter durch den Fehler der Hebamme Schäden, sind etwa für Therapie und Schadenersatz inzwischen oft Millionensummen fällig. Dadurch sind die Versicherungsprämien explodiert.

"Immer mehr Kolleginnen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück und bieten nur noch eine Vor- und Nachsorge an", sagt Schmuck. Schon jetzt würden Mütter vielerorts keine Hebamme mehr in ihrer Umgebung finden. Auf den Zuschauerplätzen nicken viele Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm.

Auch Hebamme Brigitte Bremer kann sich die hohen Summen für die Haftpflicht nicht mehr leisten. Sie betreut Mütter nur noch vor und nach der Geburt. "Das eigentliche Highlight im Berufsleben einer Hebamme fällt weg", sagt sie.

Der Wirbel, den Bremer, Schmuck und Hebammenverbände seit Monaten machen, ist enorm. Das hat auch Politiker der Koalition überrascht. Schließlich sind keineswegs alle der etwa 21 000 Hebammen in Deutschland betroffen. Viele angestellte Hebammen sind über ihren Arbeitgeber gegen das Risiko abgesichert.

Die hohen Kosten für die Haftpflicht treffen vor allem die gut 3000 freiberuflichen Hebammen, die Geburtshilfe leisten. Von denen kommen wiederum nur die Hebammen durch hohe Prämien in Not, die nur sehr wenige Geburten im Jahr betreuen. Denn die Kassen zahlen als Ausgleich für den Prämienanstieg einen Zuschlag - je abgerechneter Geburt.

Der Bundestag hat Anfang Juni befristete Zuschläge als Ausgleich für hohe Versicherungskosten beschlossen, um besonders Hebammen mit wenigen Geburten zu entlasten. Ab dem 1. Juli 2015 soll es dann einen sogenannten Sicherstellungszuschlag geben. Das Ministerium prüfe außerdem weitere Hilfen, sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Ingrid Fischbach (CDU). Der Bundesregierung sei eine flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe wichtig, versicherte sie.

Für Sabine Schmuck ist das nur ein Lippenbekenntnis. Die bisherigen Maßnahmen seien nur Stückwerk. Sie fordert langfristige Lösungen. Hebammenverbände und Oppositionsvertreter schlagen etwa einen Fonds vor, in den alle Gesundheitsberufe einzahlen. Aus diesem Topf könnten dann Schadensfälle bezahlt werden - auch durch Steuergelder, wenn das Geld nicht ausreicht.

Hebamme Brigitte Bremer hat nicht mehr viel Hoffnung, dass sich etwas ändert. "Bis sich mal was bewegt, werde ich wohl schon in Rente sein", sagt sie, rollt das kleine Schild zusammen und macht sich auf den Heimweg.

apa.at

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