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APA-Artikel 11. Juni 2014

Expertendiskussion: "Rolle der Apothekerschaft in Primary Health Care-Zentren"

Am 6. Juni trafen sich Stakeholder aus der oberösterreichischen Politik und Gesundheit in Linz, um im Rahmen einer Expertendiskussion im Vorfeld zum Sommergespräch der OÖ Apothekerkammer 2014 über die Zukunft von Primary Health Care in Österreich zu diskutieren. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass PHC-Modelle für eine umfassende und optimierte Versorgung der Bevölkerung dringend notwendig sind. In der Strategie zur Umsetzung solcher PHC-Zentren gab es unterschiedliche Ansätze. Aus der Diskussion ging hervor, dass Apotheken in der extramuralen Primärversorgung als wichtige Kooperationspartner integriert werden müssen.

Durch die Gesundheitsreform sollen Gesundheitsberufe noch stärker als bisher in den Versorgungsprozess der Patienten eingebunden werden. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dabei jene Vision, die das Gesundheitssystem verbessern und effizienter gestalten soll. "Österreich verfügt über ein gutes, seit langem bestehendes, aber veränderungsresistentes Gesundheitssystem, dessen Effizienz und Effektivität gesteigert werden muss. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der dezentralen wohnortnahen und umfassenden gesundheitlichen Primärversorgung (PHC)", erklärte Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Oberösterreichischen Apothekerkammer. Die Diskutanten waren sich darin einig, dass Primärversorgung nicht nur die allgemeinärztliche Ebene sondern weitere Bereiche wie zum Beispiel Pflege, Psychologie und Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, die Arzneimittelversorgung durch Apotheken sowie die soziale Komponente umfassen sollte.

Primary Health Care-Modell als Zukunftskonzept im Gesundheitssystem

Durch PHC soll der Bevölkerung bei Gesundheitsbeeinträchtigungen früher und einfacher zur raschen Diagnose und optimalen Therapie verholfen werden. "Außerdem sollen gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen in PHC abgedeckt werden. Im Zentrum der Überlegungen muss dabei allerdings der Mensch bzw. Patient mit seinen Bedürfnissen stehen. Daher soll es ein Zusammenwirken auch mit nicht-ärztlichen Leistungsanbietern innerhalb dieser neu zu schaffenden Strukturen geben. So kommt es mittels PHC durch Kooperationen zu mehr Patientenorientierung. Auch im Gesundheitssystem stehen an oberster Stelle die Bedürfnisse der Bürger, nicht jene von Berufsgruppen bzw. deren Vertreter ", so Mag. Judith Raab MBA, Landessprecherin der Neos OÖ.

Verantwortlichkeiten einzelner Gesundheitsberufe im PHC-Modell

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde sprachen sich einheitlich für den Allgemeinmediziner als Gesundheitskoordinator aus. Dr. Erwin Rebhandl, Präsident AM PLUS sieht die Allgemeinmedizin als einen wesentlichen und unverzichtbaren Teil des Gesamtkonzepts. "In PHC-Konzepten findet der Großteil der Versorgung in einer Struktur statt, wobei auch nicht-ärztliche Leistungen innerhalb dieser Strukturen erbracht werden. PHC wird von einem multidisziplinären Team erbracht, in dem der Hausarzt der Koordinator und meist erste Ansprechstelle ist, dem aber auch diplomierte Gesundheits- und Krankenschwestern und -pfleger, Psychologen, Diätologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Pharmazeuten, Sozialarbeiter sowie andere Gesundheitsberufe angehören. Auch diese Gesundheitsberufe werden teilweise Koordinations- und Managementaufgaben übernehmen können." PHC-Modelle müssen, je nach Region, auf städtische oder ländliche Gebiete individuell angepasst werden.

Rolle der Apotheker im PHC

Eine Apotheke zählt am Tag durchschnittlich 300 Kundenkontakte. Dabei handelt es sich einerseits um Kunden, die bereits in medizinischer Versorgung sind, andererseits um Menschen mit Gesundheitsproblemen oder gesundheitsbezogenen Fragestellungen, welche noch nicht in ärztlicher Betreuung sind. In diesem Fall erhält der Kunde beim Apotheker niederschwellig kompetente Beratung und wird bei Notwendigkeit einer weiterführenden medizinischen Betreuung zugewiesen. "Die Rolle der Apotheker als Schnittstelle zwischen Arzt und Patient eignet sich auch für ein PHC-Zentrum hervorragend. Die Kompetenzen der Apotheker müssen jetzt, bei der Entwicklung solcher Zentren eingebracht werden und nicht erst bei Anlaufen von PHC in Österreich", so Mag. Thomas Veitschegger, Vizepräsident Österreichischer Apothekerverband. Durch die Integration der Apothekerschaft könnte auch das Ziel der Förderung des Gesundheitsbewusstseins sowie der Prävention und Früherkennung schneller erreicht werden.

Betreuung chronisch Kranker im PHC-Modell

Eine konkrete Chance für das PHC unter Mitwirkung der Apothekerschaft wäre die Betreuung chronisch Kranker. So können Apotheker in Früherkennungsprogramme einbezogen werden, da sie viele Menschen, die nicht in ärztlicher Betreuung sind, ansprechen können. "Der Kontakt eines Patienten zum Apotheker ist durchschnittlich etwa ein bis drei Mal pro Monat - häufiger als der monatliche Kontakt zwischen Arzt und Patient", erklärte Mag. pharm. Monika Aichberger, Vizepräsidentin der Oberösterreichischen Apothekerkammer. "Die Angebote und die Kompetenz der Apotheken im Bereich Früherkennung von Diabetes, im Screening potenzieller Diabetes-Risikopatienten sowie in der Betreuung von Patienten im Hinblick auf Disease Management Programme tragen zu einer qualitätsvolle Betreuung chronisch Kranker bei", hält LAbg. Ulrike Schwarz, Gesundheitssprecherin OÖ, Die Grünen, eine intensive Kooperation der Apotheke mit dem PHC Zentrum für sinnvoll.

Patientenbetreuung: Eigenverantwortung und Motivation

Durch den häufigen Kundenkontakt können Apotheker in der Patientenbetreuung einen wesentlichen Beitrag leisten. Sie können Patienten nämlich in Hinblick auf Eigenverantwortung und Motivation unterstützen. Mag. Thomas Veitschegger sprach sich für eine noch stärkere Schulung der Eigenmotivation von Patienten aus: "Wir haben im internationalen Vergleich die niedrigste Gesundheitskompetenz in Europa. Um die Gesundheitskompetenz zu erhöhen, ist umfassende Information notwendig. So können Apotheker Tipps zu Prävention und Gesundheitsförderung weitergeben und Patienten diese in ihren Alltag integrieren. Ziel ist eine Verhaltensänderung beim Patienten."

apa.ots

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