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APA-Artikel 10. Juni 2014

Prozess um Transplantationen: Zehn Monate und kein Ende in Sicht

Versuchter Totschlag in elf Fällen wird dem Chirurgen vorgeworfen: Seine Patienten erhielten schneller Spenderorgane, als ihnen zustand - zulasten anderer. Ob der Mann eher Straf- oder Wohltäter ist, darüber sind Staatsanwaltschaft und Verteidigung immer noch uneins.

Der seit August 2013 laufende Prozess um den Transplantations-Skandal an der Göttinger Universitätsmedizin zieht sich in die Länge. Ein Chirurg muss sich wegen versuchten Totschlags in elf Fällen verantworten, weil er Falschangaben zur Alkoholabstinenz seiner Patienten gemacht und sie durch manipulierte Werte kränker dargestellt haben soll, als sie waren. So sollen sie schneller Spenderlebern erhalten haben, als es ihnen zustand.

Andere Patienten, die auf der Warteliste standen, seien deshalb möglicherweise gestorben, meint die Staatsanwaltschaft. Zudem soll der 46 Jahre alte Arzt in drei Fällen Lebern ohne ausreichende medizinische Begründung übertragen haben. Die Patienten starben.

Das Schwurgericht Göttingen macht sich die Aufklärung nicht leicht. Akribisch durchleuchten die Richter Fall für Fall. Obwohl das Landgericht bereits an 37 Tagen gegen den früheren Leiter der Transplantationschirurgie verhandelt hat, ist ein Ende des Verfahrens nicht abzusehen. Bis Oktober wird mindestens noch verhandelt.

Im Kern geht es darum, ob die in der Anklage aufgeführten Leber-Transplantationen unangebracht, ungerechtfertigt und Verstöße gegen Richtlinien und Gesetze waren. So sieht es die Staatsanwaltschaft. Die Eingriffe seien lebensnotwendig und damit gerechtfertigt gewesen, meinen hingegen der Arzt und seine Verteidiger.

Zunächst verhandelte das Gericht über sogenannte Indikationsfälle. In einer Zwischenbilanz teilte der Vorsitzende mit, der Arzt müsse wegen eines dieser drei Fälle mit einer Haftstrafe rechnen. Seither geht es vorwiegend um sogenannte Manipulationsfälle. Während die Verteidigung davon ausgeht, dass die Aussagen der zahlreichen bisher gehörten Zeugen den Arzt nicht belasten, ist die Staatsanwaltschaft gegenteiliger Ansicht. Wie das Gericht dazu steht, ließ es bislang nicht erkennen.

Deutlich wurde, dass der Chirurg im Interesse der Universitätsmedizin die Transplantationszahlen in Göttingen gesteigert hat. Eindeutiger belastet als der Chirurg wurde aber ein Leberspezialist der Klinik, mit dem der Angeklagte eng zusammengearbeitet hatte. So erklärte ein früherer Assistenzarzt, dieser habe Untergebene zu Falschdiagnosen angestiftet, um seine Privatstation mit Patienten zu füllen.

Auf den Angeklagten dagegen ließ dieser Zeuge nichts kommen: Der Chirurg habe sich mit aller Kraft für seine Patienten eingesetzt und alles getan, um Menschenleben zu retten. Falls das Gericht zu dem Schluss kommen sollte, der Angeklagte sei für Manipulationen verantwortlich, die zu einer bevorzugten Zuteilung der knappen Spenderlebern für seine Patienten geführt haben, wäre auch das Motiv dafür zu benennen.

Der Prozess gilt als richtungweisend für die juristische Aufarbeitung weiterer Verstöße bei Organtransplantationen. Die Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer hatte solche Fehler auch an drei anderen Zentren in Deutschland festgestellt.

apa.at

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