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APA-Artikel 4. Juni 2014

EHFG&FOPI-Workshop: Wie resilient und innovativ ist das österreichische Gesundheitssystem?

Die "Krise" ist voraussichtlich eine längerfristige Realität, auf die sich Gesellschaften einstellen müssen, weshalb es verlässlicher und belastbarer Strategien für ein innovatives Gesundheitssystem bedarf. Auf Einladung von EHFG (European Health Forum Gastein) und FOPI (Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich) diskutierten Expertinnen und Experten im Haus der EU in Wien die Frage, wie das österreichische Gesundheitssystem nachhaltiger und zukunftssicher gemacht werden kann, welche Rahmenbedingungen Innovationen brauchen und was eine Gesundheitsreform leisten sollte.

"Was heute als Krise bezeichnet wird, ist voraussichtlich eine längerfristige Realität, auf die sich unsere Gesellschaft einstellen muss. Dafür brauchen wir verlässliche und belastbare Strategien für ein innovatives Gesundheitssystem", so Prof. Dr. Helmut Brand (Universität Maastricht), Präsident des European Health Forum Gastein, auf einer gemeinsamen Veranstaltung des EHFG und des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) zum Thema "Wie resilient und innovativ ist das österreichische Gesundheitssystem?"

Österreich ist laut "Health at a glance" (OECD) das achtteuerste Gesundheitssystem der Welt; Gesundheitsausgaben in Österreich machen rund 11 Prozent des BIP aus, im EU-15-Schnitt sind es 10,6 Prozent; auf dem Global Innovation Index ist Österreich nur an 23. Stelle. Auf der Veranstaltung entwickelten die beteiligten Fachleute Empfehlungen zu einigen zentralen Fragen: Was sind die wichtigsten Strategien, um das österreichische Gesundheitssystem belastbarer zu machen? Welche Innovationen sind dazu geeignet, die Leistungen des österreichischen Gesundheitssystems und die Nachhaltigkeit zu fördern? Wie können Entscheidungsträger Innovationen im Gesundheitssystem am besten einführen und umsetzten?

FOPI-Präsident Mag. Raimon: Innovation braucht Treiber und richtige Rahmenbedingungen

"Ein nachhaltiges Gesundheitssystem muss das Ziel aller Akteure im Gesundheitsbereich sein. Hier versteht sich FOPI einmal mehr als Dialogpartner, der die Entscheider zusammenbringt, um konstruktiv und auf Augenhöhe Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten", erklärt FOPI-Präsident Mag. Ingo Raimon. "Die Österreicher werden immer älter, das steigende Lebensalter geht jedoch nicht mit einem längeren Leben in Gesundheit einher. Chronische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch und innovative Behandlungsmöglichkeiten sind gefragt. Gleichzeitig steigt der Kostendruck auf das Gesundheitssystem und die vorhandenen finanziellen Mittel müssen effizienter und patientenfreundlicher eingesetzt werden. Innovation entsteht aber nicht von selbst, sondern braucht Treiber und die richtigen Rahmenbedingungen, damit sie auch tatsächlich dort ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird: beim Patienten".

Dr. Auer: Überhospitalisierung und eine nicht konkurrenzfähige Primärversorgung

Den "nicht harmonisierten Kompetenzen im österreichischen Gesundheitssystem" so Dr. Clemens Martin Auer, Sektionsleiter im Gesundheitsministerium, könne bis zu einem gewissen Grad "durch das Setzen von finanz- und strukturpolitischen Zielen" begegnet werden. Derzeit sei die Versorgung durch "Überhospitalisierung und eine nicht konkurrenzfähige Primärversorgung" gekennzeichnet, weshalb Ende Juni ein Papier zur Neuorganisierung der Primärversorgung vorgelegt werden soll, bei dem die wesentlichen Gesundheitsberufe mitgewirkt haben, sagt Dr. Auer: "Wir müssen in den kommenden fünf bis zehn Jahren die Primärversorgungsstruktur nachhaltig ändern. Wenn das nicht gelingt, wird es keinen finanziellen Spielraum für Innovation geben."

Dr. Figueras: Alle Stakeholder an Bord holen und stärker vernetzen

Österreich habe bisher sehr viel erreicht und verfüge über ein nachhaltiges System der Finanzierung und Gesundheitsversorgung, sagt Dr. Josef Figueras (European Observatory on Health Systems and Policies): "Dieses System steht, so wie viele andere, vor zahlreichen Herausforderungen, zum Beispiel bedingt durch die Krise, die älter werdende Gesellschaft, steigende Gesundheitsausgaben und die mangelhafte Kontrolle des Tabakkonsums." Es gehe jetzt um verstärkte Reformen in der Primärversorgung, die Stärkung der Prävention, die Förderung von Technologien, eine Abkehr von Überspezialisierung hin zu mehr Pflegepersonal. Dr. Figueras: "Um ein Gesundheitssystem resilient zu gestalten und zu erhalten, müssen alle Stakeholder an Bord geholt und stärker vernetzt werden."

Prof. Brand: Anforderungen an Reformen im Gesundheitswesen

"Gesundheitspolitik sollte konsistent und nachhaltig sein, sie sollte Gesundheit zum Thema in allen Politikbereichen machen, und eine ausgewogene Balance zwischen Regulierung und Wahlfreiheit herstellen." so EHFG-Präsident Prof. Brand. Wesentlich ist eine verstärkte Patientenorientierung einschließlich Patienten-orientierter Endpunkte zur Beurteilung der Leistung des Gesundheitssystems. Ansprüche an eine Gesundheitsreform sind eine höhere Kosteneffektivität, die Sicherstellung der besten Nutzung öffentlicher Gelder sowie Transparenz.

Insgesamt gehe es darum, so Prof. Brand, "Aufgabenverteilungen und -wahrnehmung im Gesundheitswesen an veränderte Verhältnisse anzupassen. Dazu müssen wir die Primary care stärken, Barrieren innerhalb des Gesundheitswesens, zum Beispiel zwischen den Gesundheitsberufen, abbauen und auch bei Präventionsprogrammen Sektorenübergreifend vorgehen. Um Reformen schneller implementieren zu können, sind entsprechende Informationstechnologien mit Big Data zu nützen. Neben technologischen Innovationen sind aber auch soziale und organisatorische Innovationen notwendig." Beispiele dafür seien das Stärken von Health Literacy, das Herstellen einer höheren Compliance und Adhärenz bei den Bürgern, Innovationen zur Unterstützung von Verhaltensänderungen und insgesamt ein hohes Ausmaß an Partizipation aller am Gesundheitssystem Beteiligten. Prof. Brand: "Um neue Prozesse zu implementieren, müssen diese ausreichend kommuniziert werden."

Kahr-Gottlieb, MA: Innovationsfreude und Ermöglichen von Pilotprojekten ohne gesetzliche und bürokratische Hürden

Die zentralen Forderungen des "World Café" unter der Moderation von EHFG-Generalsekretärin Dorli Kahr-Gottlieb, MA stellen die Innovationsfreude und das Ermöglichen von Pilotprojekten ohne gesetzliche und bürokratischen Hürden in den Vordergrund. "Um Innovation voranzutreiben ist es nötig, inter- und multidisziplinär arbeiten zu können, ohne durch starre Kostenfokussierung den Innovationen ein zu enges Korsett anzulegen", sagte die EHFG-Generalsekretärin.

Gesundheitsbereich bringt substanzielle Wachstumsimpulse

"Die Herausforderungen im Finanz- und Wirtschaftsbereich werden uns zukünftig auch im Bereich Health Care betreffen. Dabei bringt der Gesundheitsbereich und alle damit verbundenen Dienstleistungen und Innovationen substanzielle Wachstumsimpulse für Europa und Österreich. Es wird auch in Zukunft darum gehen, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Innovation auf den Markt kommt. Dazu bedarf es des Engagements aller Beteiligten im System", sagt FOPI-Präsident Mag. Raimon zusammenfassend.

apa.at

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