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APA-Artikel 14. Mai 2014

Tod im künstlichen Koma - Kritische Gutachter: "nicht lege artis"

Der Prozess gegen zwei Ärzte der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg ist am Mittwoch im Landesgericht Linz fortgesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft macht sie für den Tod einer 17-Jährigen während einer Tiefschlaftherapie verantwortlich und wirft ihnen fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen vor. Gutachter kritisierten, dass "nicht lege artis" vorgegangen worden sei.

Die 17-Jährige hatte etliche Selbstmordversuche hinter sich. Weil sie auf herkömmliche Therapien nicht reagierte, beschlossen die behandelnden Psychiater, sie ins Koma zu versetzen. Man erhoffte sich im Wesentlichen eine Art Reset des Gehirns. Allerdings endete die Therapie mit den Tod der Patientin. Die beiden angeklagten Ärzte - ein 50-jähriger Anästhesist und seine 55-jährige Kollegin - haben die Tiefschlafphase betreut. Sie bekannten sich nicht schuldig.

Der Gerichtsmediziner kam in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass die junge Frau an einer Gehirn- und Leberschädigung gestorben ist. Als Ursache sieht er eine Überdosierung des Narkosemittels. "Es ist nicht lege artis vorgegangen worden." Er kritisierte auch die Dokumentation. Es könne Patienten geben, die eine höhere Dosierung brauchen, so der Gutachter, aber im vorliegenden Fall sei nicht nachvollziehbar, wieso nicht reduziert wurde. "Die Maßnahme wurde zu spät abgebrochen."

Ähnlich äußerte sich auch der Pharmakologe: Er attestierte eine Vergiftung mit der Medikation und auch er hätte empfohlen, die Infusion abzubrechen, sobald die Leberwerte außerhalb der Norm waren. Er wies darauf hin, dass bei der 17-Jährigen eine vergleichsweise leichte Indikation vorlag. Denn während beispielsweise ein Schädel-Hirn-Trauma-Patient an seinen Verletzungen sterben könne, wenn man ihn zu früh aus dem Koma weckt, sei das bei psychiatrischen Anwendungen anders.

Der Fall hatte auch deshalb für Aufsehen gesorgt, weil die junge Frau einer Betreuerin im Spital anvertraut hatte, sie sei jahrelang von ihren Großeltern und zwei Nachbarn - darunter ein pensionierter Richter - gequält und sexuell missbraucht worden. Die Verdächtigen waren deswegen vorübergehend sogar in Untersuchungshaft. Weil die Aussagen des Mädchens immer mehr Widersprüche aufwarfen, wurde das Verfahren gegen sämtliche Beschuldigte später eingestellt.

Unterschiedliche Gutachter-Meinungen

Der Gutachter aus dem Bereich der Anästhesie hat seinen Kollegen am Nachmittag massiv widersprochen: "Die Dosierung war in meinen Augen nicht zu hoch", erklärte er. Seiner Ansicht nach sei auch das richtige Medikament verwendet worden.

Man müsse in der Intensivmedizin immer das Gesamtbild im Auge haben und nicht einzelne Werte, argumentierte der Sachverständige. Die Dosierung einer Narkose erfolge "nach Wirkung". Er erklärte anhand von Beispielen aus seiner Erfahrung, dass es hier Unterschiede geben könne, wie viel für einen Patienten nötig sei. In der Praxis könne man nicht unter den selben Bedingungen arbeiten wie bei klinischen Studien.

Der Gerichtsmediziner und der Pharmakologe hatten zuvor die Ansicht vertreten, dass die Dosis des Narkosemittels zu hoch gewesen und von den Ärzten zu spät auf Probleme - allen voran die schlechten Leberwerte der Patientin - reagiert worden sei.

Zeugen aus dem Bereich des Spitals hatten sich in der Verhandlung ihrer Aussage entschlagen. Ein Urteil soll noch am Nachmittag gesprochen werden.

apa.at

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