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APA-Artikel 30. April 2014

CH: Ärzte und Apotheker streiten um Medikamentenabgabe

Bei der Revision des Heilmittelgesetzes geht es um viel Geld. Ärzte auf der einen und Apotheker auf der anderen Seite kämpfen um die Abgabe von Medikamenten. Die verschiedenen finanziellen Interessen führen zu Misstönen zwischen den Berufsgruppen.

Bei der Schweizerischen Ärztevereinigung FMH läuten eine Woche vor der Nationalratsdebatte die Alarmglocken. Sie ortet im Entwurf "Denkfehler, systematische Fehler, sogar grosse Risiken für Patientinnen und Patienten", wie Sven Bradke, Geschäftsführer Ärzte mit Patientenapotheke (APA), am Dienstag vor den Medien in Bern sagte.

Grosse Sorgen bereitet den Ärzten die vorgeschlagene erweiterte Medikamentenabgabe der Apotheken. Diese sollen neu einen Teil der verschreibungspflichtigen Arzneien in Eigenregie verkaufen dürfen. Dies gefährde die Patientensicherheit und sei unnötig, sagte Bradke. Die Notfallabgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten sei bereits heute gesetzlich erlaubt. "Das reicht auch."

Zudem seien Apotheker keine Ärzte. "Sie sind weder ausgebildet, noch dazu befähigt, eine korrekte Diagnose zu stellen." Nur einzelfallweise bei "ungefährlichen" Medikamenten sei eine Abgabe durch Apotheker vorstellbar - unter der zusätzlichen Voraussetzung, dass der behandelnde Arzt des Patienten informiert werden müsse.

Anders sieht dies der Apothekerverband pharmasuisse. "Wir sind ja gerade die universitären Fachleute im Medikamentenbereich", sagte Generalsekretär Marcel Mesnil auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. "Wo ist also das Problem?"

Schon heute gebe es bei der Heilmittelabgabe durch Apotheken klare Auflagen und Richtlinien. Die Aussage der FMH, wonach die Apotheker nicht befähigt seien, verschreibungspflichtige Medikamente zu verkaufen, bezeichnet Mesnil als unseriös. "Wir sind ausgebildet und fähig."

In der heutigen Zeit des Hausärztemangels und der Überalterung der Bevölkerung brauche es innovative Lösungen im Gesundheitsbereich, sagte Mesnil. Der Vorschlag der vorberatenden Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-N) stärke die Grundversorgung. Die FMH biete ihrerseits keine Lösungen an: "Sie torpediert alles nur."

Für Konfliktstoff sorgt auch die Rezeptpflicht. Geht es nach der SGK-N, sollen künftig auch Hausärzte, die Medikamente direkt in der Praxis abgeben, ein Rezept ausstellen müssen. Damit könnten die Patienten frei wählen, ob sie das Arzneimittel beim Arzt oder beim Apotheker beziehen wollen.

Bei der FMH stösst dieser Vorschlag auf Unverständnis. Er sei "sinnlos und kostspielig", sagte Bradke. Die Ärzteschaft beziffert die Kosten dafür auf 100 bis 150 Millionen Franken jährlich. Während heute die Abgabe der Medikamente über die Marge abgegolten wird, würde sie neu über den Ärztetarif abgerechnet. "Dies käme die Patienten teuer zu stehen."

Der Apothekerverband zweifelt am Wahrheitsgehalt der FMH-Zahlen. "Die Ärzte wollen einfach die Patientenrechte nicht anerkennen", sagte Mesnil. Inhaltlich begründet er die Rezeptpflicht damit, dass der Patient nur durch die Rezeptausstellung eine echte Wahlfreiheit beim Medikamentenbezug erhält.

Die Ärzte befürchten bei der Ausweitung der Rezeptpflicht aber eine Verschiebung von Marktanteilen zu den Apothekern. Mesnil widerspricht: "Das zentrale Anliegen bei der Rezeptpflicht ist die Patientensicherheit." Mit dem neuen Gesetz würden auch die Auflagen für die Apotheker zunehmen. Unter dem Strich sei dies ein Nullsummenspiel.

Der Nationalrat behandelt die Vorlage am 7. Mai in der Sondersession. Ein einfacher Kompromiss ist nicht in Sicht. Die FMH droht schon heute mit dem Referendum, falls das Gesetz in der nun vorliegenden Form verabschiedet wird.

In der Vernehmlassung sind 181 Stellungnahmen eingegangen. Die Gesundheitskommission hat sich während mehr als eines Jahres 46 Stunden mit dem Thema befasst und dabei 130 Anträge geprüft.

Das Heilmittelgesetz regelt, über welche Kanäle die Medikamente in den Verkauf kommen. Es wird in zwei Etappen revidiert. Die 1. Etappe, die vorgezogene Teilrevision, ist bereits am 1. Oktober 2010 in Kraft getreten.

apa.at

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