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APA-Artikel 4. April 2014

Stronach/Franz warnt: Schon Kleinstkinder erhalten Kokain-ähnliche Psychopharmaka

Massive Kritik an der Verschreibepraxis von Psychopharmaka für Kleinkinder übte heute Team Stronach Gesundheitssprecher Dr. Marcus Franz im Rahmen einer Pressekonferenz. So werde etwa Methylphenidat schon den 0 bis 4-Jährigen verabreicht - "ein Stoff, ähnlich dem Kokain!", so Franz. Er kritisierte, dass "lediglich die Menge der verordneten Medikamente bekannt ist, Zahlen über die Patienten fehlen aber völlig, man ist auf Schätzungen angewiesen."

Auffallend ist laut Franz die massive Zunahme an verabreichten Medikamenten. "Dabei spielen wohl auch der Zeitgeist und das kinderfeindliche Klima in unserer Gesellschaft eine Rolle", vermutet der Mediziner. Denn gerade ADHS mit rund 90.000 Verordnungen im Jahr sei womöglich gar keine Erkrankung. Sogar der "Erfinder" dieses Syndroms, der US-Psychiater Dr. Leon Eisenberg, hatte auf dem Sterbebett erklärt, die Diagnose würde nur dazu dienen, Kinder mit auffälligem oder widerspenstigem Verhalten zu kontrollieren - und zwar mit Medikamenten.

Gerade bei ADHS ("Zappelphilipp-Syndrom") ist jedoch eine deutliche Zunahme (Verdoppelung von 2011 auf 2013) der Verordnung von Methylphenidat bei den 0 bis 4-Jährigen zu erkennen, wie die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage von Franz ergab. "Dieses Medikament soll aber laut Gebrauchsinformation bei unter 6-Jährigen nicht verabreicht werden. Auch der Bericht des Obersten Sanitätsrates empfiehlt dies ausdrücklich erst ab sechs Jahren", warnt der Team Stronach Gesundheitssprecher. Und weiter: "Hier stellt sich die Frage, ob die Kinder krank sind - oder nicht doch das System?"

Rund 30.000 Verschreibungen pro Jahr betreffen laut Franz zudem sogenannte "schwere Medikamente" bei psychiatrischen Störungen. "Auch die Zahl der Verschreibungen dieser Medikamente nimmt sukzessive zu. Daten über die Patientenzahlen im ambulanten Bereich sind aber nicht vorhanden", kritisiert Franz. Die Hauptursache für psychische Erkrankungen sei übrigens frühkindlicher Stress. Dieser nehme durch gesellschaftliche Faktoren zu.

"Hier könnte man neben der Entlastung von belasteten familiären Systemen auch mit ausreichenden Verhältniszahlen in der Krippenbetreuung entgegenwirken. In Wien kommen auf etwa 16 bis 18 Kinder nur 2 Pädagoginnen. Das ist wirklich zum Schaden für die Kinder, weil Stressregulation, Trösten, etc. nicht mehr möglich ist und somit nicht gelernt werden kann", erklärt Franz und verweist auf die Empfehlung der WHO, die ein Verhältnis von 1 zu 3 bis 1 zu 5 empfiehlt.

Zur "Therapie" dieses Systems verlangt Franz in einem ersten Schritt, dass endlich exakte Daten über die von psychischen Störungen betroffenen Kindern erhoben werden. Dann sollte es möglichst frühzeitig Hilfen und mehr Therapieplätze geben. Franz fordert aber auch "eine bessere Schulung der Allgemeinmediziner sowie mehr Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie!" Denn während es über 13.000 Allgemeinmediziner in Österreich gibt, "haben wir nur 1.292 Kinderärzte im Land. Noch krasser ist das Verhältnis bei den Fachärzten für Neurologie und Psychiatrie (2.415) Nur 12 Fachärzte für Kinder- und Jugend-Psychiatrie haben einen Kassenvertrag." Doch während der Oberste Sanitätsrat empfiehlt, dass in erster Linie Fachärzte Psychopharmaka verschreiben, werden im täglichen Umgang diese Arzneien überwiegend von Allgemeinmedizinern verordnet, warnt Franz.

apa.at

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