zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 20. März 2014

Falsche Mediendarstellung schädigt psychisch Kranke

Psychosen, vor allem die Schizophrenie, werden in der Öffentlichkeit, in Tagesmedien und Filmen vor allem als "dämonisch" dargestellt. Doch die Betroffenen sind viel öfter Opfer von Gewalt. Falsche "Bilder" von den Kranken schädigen sie, erklärten am Donnerstag Fachleute bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Das 'Böse' ist nicht therapierbar. Der Wilderer vom vergangenen Jahr war ganz sicher kein Schizophrener", sagte Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien. In den meisten Fällen, in denen bei Gewalttaten vorschnell vom "irren Täter" die Rede sei, treffe das nicht zu.

Auch wenn Film, Fernsehen und Boulevardjournalismus diese Stereotype ständig transportieren, laut dem Wiener Psychiater Thomas Stompe (Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie/MedUni Wien/AKH) sehen die Fakten ganz anders aus: "Schwere Delikte sind bei Menschen mit Psychosen häufiger, bei Männern sechs- bis zehnmal häufiger, bei Frauen sieben- bis 19-mal häufiger. Doch die Schizophrenie ist eine vergleichsweise seltene Erkrankung mit 0,5 bis einem Prozent unter der Bevölkerung." Daher wirke sich diese Gruppe sehr gering auf die Kriminalitätsstatistik aus.

Umgekehrt sind Menschen mit Schizophrenie speziell gefährdet, Opfer von Gewalt, Benachteiligung, Stigmatisierung und Missbrauch zu werden. Stompe führte aus: "12,7 Prozent der Obdachlosen leiden an einer psychotischen Erkrankung. Die Mortalität von Schizophrenen steigt deutlich an. Sie sterben durch Suizid elf Mal häufiger als andere Menschen, durch Unfälle zwei Mal öfter." Schizophrene seien auch viel häufiger von Kriminalität wie physische Attacken, Raub und Vergewaltigung betroffen.

Am ehesten von einem Risikopotenzial für schwere Delikte könne man nur bei einer sehr kleinen und recht gut zu definierenden Gruppe von Patienten sprechen: Bei ihnen kommen vor allem Alkoholmissbrauch und andere Faktoren hinzu. Doch darauf nimmt die Öffentlichkeit mit ihren Vorurteilen nur selten Rücksicht. "Es geht um 'Bilder', um 'Bilder in den Köpfen'", sagte der Wiener Psychiater Hans Schanda. "Man kann die Auflage steigern, man kann Angst machen."

Dabei würde einfach auf falsche Schemata gesetzt. "Sehr betrüblich ist, wenn da gleich die psychiatrische Diagnose aufgrund eines Ereignisses gemacht wird", warnte Schanda. Der "offensichtlich irre Feuerteufel" habe dann eine Brandstiftung begangen. Aus Schweden gibt es epidemiologische Untersuchungen, wonach ohne alle Schizophrenie-Erkrankungen die Gewaltdelinquenz um fünf Prozent sinken würde. "Ob zu den Osterfeiertagen schönes oder schlechtes Wetter herrscht, beeinflusst die Todesstatistik (via Straßenverkehr; Anm.) mehr."

Umgekehrt sinkt die Häufigkeit von Delikten bei Menschen mit Psychosen in Behandlung in etwa auf jene bei psychisch Gesunden. Ein Problem liegt naturgemäß darin, dass nicht alle Betroffenen die Einsicht zur Behandlungsbedürftigkeit haben bzw. in ihrer Situation haben können.

Zu fragen sei allerdings, so Psota, ob Österreich genug für psychisch Kranke tue: "Österreich hat 140 niedergelassene Fachärzte (für Psychiatrie; Anm.) mit Kassenpraxis." Zum größten Teil infolge von schweren Depressionen kommen in Österreich jährlich doppelt so viele Menschen durch Suizid um als durch Verkehrsunfälle. "Wir haben unzählige Maßnahmen gegen den Tod durch Verkehrsunfälle, möglicherweise geschieht zur Verhütung von Suiziden durch Depressionen nicht ganz so viel."

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben