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APA-Artikel 26. Februar 2014

Ärzte-Ausbildung: Schwein im OP ersetzt Patienten

Tierversuche sind bei Kritikern umstritten. Wissenschaft und Forschung aber sehen sie als wichtig an. In einem Medizinzentrum in Ostbrandenburg liegen Schweine für die Ärzteausbildung auf dem OP-Tisch.

Gedämpftes Licht in einem fensterlosen Raum schafft eine Atmosphäre wie in einem OP-Saal im Krankenhaus. Im Medizinischen Kompetenzzentrum in Wendisch-Rietz (Oder-Spree) werden Ärzte aus dem In- und Ausland weitergebildet. Die Operateure sollen nicht nur lernen, wie geschnitten und genäht wird. Die üben auch, wie der Kreislauf überprüft oder mit einem plötzlichen Atemstillstand umgegangen wird. Für dieses Training nutzen die Mediziner jährlich auch rund 300 lebende Schweine. Denn ihr Innenleben ist dem menschlichen Organismus ähnlich. Nach dem Eingriff werden die Tiere eingeschläfert. Am Dienstag stellte sich die Einrichtung der Öffentlichkeit vor - nicht ohne Kritik.

Tierversuche, obwohl gesetzlich geregelt, gelten als umstritten. So plädieren vor allem Grüne und Tierschützer für eine medizinische Weiterbildung ohne Tiere als Übungsobjekte. Tierversuche würden vor allem aus wirtschaftlichen Interessen der Veranstalter und der beteiligten Industrie immer noch praktiziert, teilten die Berliner Grünen mit. "Die immer wieder aufgestellte Behauptung, dass diese Tierversuche unerlässlich wären, ist falsch", sagte Claudia Hämmerling, Sprecherin für Tierschutz der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Auch in Brandenburg gibt es solche Stimmen.

Der Seminaranbieter HCx Consulting aus Wendisch-Rietz betont dagegen die praxisnahe Fortbildung. Dazu gehöre auch das Üben an lebenden Schweinen, sagte Geschäftsführer Heiko Ziervogel. Die Tiere stammten aus einem nahen Zuchtbetrieb und lebten zunächst in einem Stall auf dem Gelände. Der respektvolle und würdevolle Umgang mit ihnen sei wichtig.

Für die "Operation" während der Fortbildungen würden die Schweine unter Narkose gesetzt. Ärzte in der Ausbildung könnten an ihnen dann zum Beispiel üben, Gewebe zu entnehmen. Sie schnitten auch Haut auf, nähten Wunden wieder zu und checkten Herz- und Kreislauf. Danach werde die Operation ausgewertet. Das Tier müsse eingeschläfert werden, berichtete Ziervogel. "Zurück in den Stall kann es nicht wegen der Medikamente, die ihm gegeben wurden."

Mediziner verteidigen diese Form der Ausbildung. Die Chirurgie sei auch von einem handwerklichen Aspekt geprägt, sagte ein Sprecher der Chirurgischen Gesellschaft Berlin der Nachrichtenagentur dpa. Bestimmte Techniken wie Gefäßnähte müssten geübt werden. Dieses Training könne nicht sofort am Menschen erfolgen. Das müsse zuvor in der Ausbildung passieren.

Dabei gebe es operative Schritte, die sich nur am lebenden Organismus trainieren ließen, ergänzte der Sprecher. "Das gilt auch, wenn neue Operationstechniken entwickelt werden, beispielsweise bei Organtransplantationen." Dabei seien Tierexperimente unumgänglich.

Im vergangenen Jahr trainierten Ärzte im Zentrum in Wendisch-Rietz an 255 narkotisierten Nutztieren und 240 Tierpräparaten - die Tierorgane kamen auch aus dem Schlachthof. Zum Üben würden aber auch Modelle und menschliche Leichen genutzt, berichtete Ziervogel. Für das ungefährliche Blutdruckmessen oder Ultraschall-Untersuchungen stellten sich Menschen freiwillig Menschen zur Verfügung. Bisher habe das Institut mehr als 1000 praxisnahe Fortbildungen mit mehr als 18 000 Ärzten organisiert. Für alle Tierversuche lägen Genehmigungen vor, betonte Ziervogel.

Steffi Prutean, dpa

apa.at

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