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APA-Artikel 24. Februar 2014

Apothekertagung: Arzneimittel-Mix macht häufig Probleme

Vier bis zehn Prozent der Spitalsaufnahmen erfolgen eigentlich wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen. Je mehr verschiedene Medikamente eingenommen werden, desto höher ist das Risiko, stellten Experten bei der Wissenschaftlichen Fortbildungstagung der Apotheker in Schladming (bis 28. Februar) fest.

Klassisch ist die Wirkung von angeblich "sanft" gegen Depressionen wirkenden Johanniskraut-Phytotherapeutika. Sie induzieren zum Beispiel die Aktivität des Enzyms Cytochrom-P-450 und des P-Glycoproteins, über welche viele Arzneimittelwirkstoffe abgebaut werden.

Das Ergebnis, so Pharmazeutin Christina Labut bei der Tagung: Substanzen wie Steroid-Hormone, das Transplantationsmedikament zur Immunsuppression Cyclosporin A, HIV-Aids-Proteasehemmer, in der Krebstherapie eingesetzte Zytostatika, Cholesterinsenker etc. werden schneller abgebaut oder es entstehen keine für die Wirkung ausreichende Blutspiegel. Auch Blutdruckmedikamente, Pilzmittel und Blutgerinnungshemmer können auf diese Weise ihren Effekt einbüßen. Das alles kann höchst gefährlich werden.

Ebenfalls klassisch in Sachen Wechselwirkungen ist Grapefruit-Saft. Er hemmt wiederum ein Cytochrom-P-450-Enzym. Infolge wird der Abbau von Arzneimittelwirkstoffen blockiert, die Konzentration im Blut somit höher. Bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Blutdruckmitteln wie Kalziumantagonisten (Verapamil etc.) kann das bis zu einem lebensgefährlichen Blutdruckabfall und zu Herzrhythmusstörungen führen. Die bekannten Statin-Cholesterinsenker wiederum können durch den langsameren Abbau verstärkt Nebenwirkungen wie Muskelzell-Schäden auslösen.

Männer, welche Pillen gegen erektile Dysfunktion mit Wirkstoffen wie Sildenafil ("Viagra"), Tadalafil oder Vardenafil einnehmen, sollten ebenfalls auf das Glas Grapefruit-Saft verzichten. Rasanter Blutdruckabfall, Sehstörungen und schmerzhafte Dauererektionen können die Folge sein - ähnlich wie bei einer Überdosierung.

Vor allem Betagte und Mehrfach-Kranke bekommen vom Arzt oft zahlreiche Arzneimittel verschrieben. Ohne dass es gleich auffallen muss, können dadurch auch schwere Probleme entstehen - oder sogar noch mehr Therapeutika auf der täglichen Einnahmeliste.

Patienten kämen häufig mit Symptomen durch Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen zum Arzt, die als "neues Krankheitsbild" gesehen und dann noch zusätzlich behandelt würden, betonte bei der Apothekertagung in Schladming die deutsche Expertin Marion Schaefer (Charite/Berlin). Stattdessen sollte besser zunächst einmal abgeklärt werden, ob nicht die bereits bestehende Mehrfachmedikation die Ursache der "neuen" Beschwerden sei.

Bis hin zum "medizinischen Delirium" können Wirkstoffkombinationen führen, welche beispielsweise auf mehrfache Weise die Konzentration des Nervenbotenstoffs Acetylcholin im Gehirn herabsetzen oder die Konzentration des Nervenbotenstoffs Serotonin im Gehirn erhöhen. Das kann sogar lebensgefährlich werden.

Opiate (Schmerzbehandlung), Antidepressiva, Antihistaminika, Antipsychotika, Antibiotika (Gyrasehemmer), Magenmittel, Cortison-Präparate, Medikamente gegen Harninkontinenz oder zur Bronchien-Erweiterung bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) und Arzneimittel zur Behandlung von Darmkrämpfen wirken alle "anticholinerg", bauen also Acetylcholin ab. Bei multimorbiden Patienten kann es somit leicht zu Problemen kommen, wenn sie einige solche Mittel verschrieben bekommen.

Auch die vielen Patienten mit Arzneimitteln zur Blutgerinnungshemmung - zum Beispiel zur Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern oder zur Infarktprophylaxe - können durch verschiedene zusätzlich eingenommene Medikamente schwere Zwischenfälle erleiden. Nichtsteroidale Antirheumatika (Schmerzmittel, Entzündungshemmer), Cortison, Gingko-Präparate und Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) bremsen ebenfalls die Blutgerinnung. In Kombination können Mehrfachverschreibungen damit zu Blutungen führen.

apa.at

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