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APA-Artikel 17. Jänner 2014

Ein Jahr neunerhaus-Praxis für Obdachlose - Folgefinanzierung offen

600 obdachlose Menschen wurden im vergangenen Jahr in der neunerhaus Arztpraxis versorgt. Ab April 2014 fehle jedoch die Folgefinanzierung, wie Markus Reiter, neunerhaus-Geschäftsführer, am Freitag bei einer Pressekonferenz verkündete. "So wie Platz in unseren Wartezimmern für obdachlose Menschen ist, so braucht unser innovatives Angebot nun aber auch Platz im Gesundheitssystem", betonte er.

Insgesamt werden in der Arztpraxis, der Zahnarztpraxis und vom mobilen Team neunerhausarzt rund 3.000 obdachlose Menschen jährlich versorgt. Dafür brauche es laut Reiter jedoch je 100.000 Euro für die Arztpraxis und die Zahnarztpraxis - zusammen mit dem Projekt neunerhausarzt.

Das Projekt wurde im Jänner 2013 mit einer Startfinanzierung der Firma Baxter gestartet. "Wir bauen darauf, dass es gelingt, eine öffentliche Folgefinanzierung für die neunerhaus Arztpraxis von der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und dem Fonds Soziales Wien (FSW) zu erzielen", sagte Reiter. Die Wiener Sozialorganisation neunerhaus, die auch Wohnungen für Obdachlose betreut, wird vom FSW gefördert und hat für die Zahnarztpraxis und das Team neunerhausarzt einen aufrechten Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse. Für weitere Aufwendungen und Vorhaben ist das neunerhaus auf Spenden angewiesen.

Allerdings habe sich das neunerhaus beim FSW noch nicht um eine Anfrage zur Finanzierung der Arztpraxis bemüht, wie Iraides Franz vom FSW gegenüber der APA erklärte. Die Antwort würde allerdings sowieso "Nein" lauten. "Unsere Aufgabe besteht nicht in der Finanzierung von Arztpraxen", sagte sie. Laut ihr sei eine derartige Parallelstruktur zum Regelarztsystem das Gegenteil von Inklusion, nicht zielführend und sogar diskriminierend. Obdachlose Menschen sollten vielmehr ihren Anspruch auf Mindestsicherung und somit auf die e-card annehmen. "Es soll nicht für jeden ein extra Angebot geben", sagte sie.

Im Rahmen der Pressekonferenz wurde zudem eine Literaturstudie des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA) vorgestellt, die zeigen soll, wie wichtig die medizinische Behandlung von Obdachlosen ist. In dieser sei laut Ingrid Zechmeister-Koss, Ressortleiterin Gesundheitsökonomie des LBI-HTA, deutlich geworden, dass prekäre Wohnverhältnisse ein erhöhtes Krankheitsrisiko zur Folge haben.

Stigmatisierung, Schamgefühle und Angst führten häufig dazu, dass obdachlose Menschen sich nicht in medizinische Behandlung geben. "Diese Menschen reihen die Gesundheit mit niedriger Priorität ein", fügte sie hinzu. Es sei nötig, die sozialen, finanziellen, organisatorischen und bürokratischen Hürden abzubauen, um obdachlosen Menschen den Zugang zum Gesundheitssystem zu erleichtern.

Besonders wichtig sei es, Vertrauen aufzubauen, und die spezifischen Lebenssituationen und Verhaltensmuster der jeweiligen Personen zu kennen. Diesem stimmte auch die Allgemeinmedizinerin Irene Lachawitz, die seit 2006 im Team neunerhaus arbeitet, zu. Sie betreut zwei Wohnhäuser, die sie einmal pro Woche besucht. "Es sind schöne Erfolge, wenn manche doch andocken, Vertrauen fassen und wirklich einmal in der Woche kommen", sagte sie. Krankheiten könnten nämlich die Obdachlosigkeit verlängern und umgekehrt führe Obdachlosigkeit immer zu mehr Krankheiten - am häufigsten zu psychischen Problemen und Zahnproblemen. "Obdachlose Menschen leiden meist an mehreren Diagnosen gleichzeitig", erklärte Lachawitz.

apa.at

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