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APA-Artikel 13. Jänner 2014

"Fragen Sie Gott" - Berlins prominenter Herzchirurg Hetzer wird 70

Mit 70 im Operationssaal? Das ist für den Berliner Herzchirurgen Roland Hetzer Routine. Kürzertreten heißt für ihn: nur zwei Operationen am Tag. Früher waren es vier.

Sein Beruf ist für Roland Hetzer im wahrsten Sinne des Wortes Herzenssache. Er fühle ein Herz. Und wisse dann meist schon Bescheid, sagen seine Kollegen. Seit 28 Jahren ist Hetzer Chef des Deutschen Herzzentrums in Berlin. Am 17. Januar wird er 70 und ein Nachfolger ist im Gespräch.

Daran, dass der prominente Herzchirurg das OP-Besteck nach mehr als 10 000 Eingriffen aus der Hand legt, glaubt in seiner Klinik allerdings kaum jemand. Ruhestand als Hobbykoch? Das passt nicht zu Hetzer. In seiner Klinik gilt er als streng, unbequem und auch schon mal eitel - aber selten als beratungsresistent. Auf dem gesellschaftlichen Berliner Parkett ist er eine "Type" geworden. Hetzer kennt man von Galas und Empfängen.

Beruf, Berufung, Leidenschaft, mit 70 noch immer ein bis zwei Operationen am Tag - früher waren es drei oder vier. "Wahrscheinlich bin ich ein bisschen irre", soll Hetzer im Stillen über sich selbst sagen. Aber so endet das eben, wenn es um sein Leitmotto geht: keinen Patienten als hoffnungslosen Fall abzuweisen. Vielleicht gibt es doch noch etwas herauszuholen, ein bisschen mehr Lebensqualität?

Roland Hetzer ist eine Art Promi in Weiß geworden, seit er 1986 von der Medizinischen Hochschule Hannover nach Berlin-Wedding kam - an das neue Herzzentrum, um das es in der "Frontstadt" Westberlin heiße Diskussionen gegeben hatte. Er kam mit Meriten, hatte er doch 1983 die erste Herztransplantation in Hannover erfolgreich geleitet, die dritte in Deutschland überhaupt. Zuvor wagten sie nur in München die damals noch sehr riskanten Eingriffe. Heute sind sie Routine und es gibt ein ganz anderes Problem: zu wenig Spenderorgane.

Hetzers Verdienste um die Herzchirurgie sind nicht in einem Satz aufzuzählen, seine Auszeichnungen schon gar nicht. Prominente Patienten werden noch immer unter falschem Name aufgenommen, nur selten dringt später etwas an die Öffentlichkeit - Boris Jelzin, Götz George. 2500 schwere Herzoperationen an der Herz-Lungen-Maschine pro Jahr, 2000 an Herz und Blutgefäßen - schon die reinen Zahlen des Herzzentrums sind beachtlich. Es ist eines der größten Transplantationszentren in Deutschland.

Wer oder was dahintersteckt, bleibt oft verborgen. Das Spektrum der Herzchirurgie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm erweitert. Es gebe nicht nur die viel feineren OP-Verfahren, es gehe auch um das Alter der Patienten, sagt Sprecherin Barbara Nickolaus. Hatten früher "blaue Babys", die mit einer Herzschwäche und Sauerstoffmangel auf die Welt kamen, keine Chance, operieren Herzchirurgen heute erfolgreich Frühchen. Und Greise. Im Herzzentrum sind schon 99-jährigen Patienten mit neuen Herzklappen versorgt worden - per Schlüsselloch-Chirurgie.

Hetzer gilt als Meister stundenlanger, schwieriger Operationen an körpereigenen Herzklappen. Und nicht jeder kommt so frisch aus dem OP wie der Chef. Das sei eben sein Leben, heißt es dann. Und wer andere Ärzte nach OP-Techniken fragt, wird mitunter mit einem Fingerzeig direkt an Hetzer verwiesen: "Fragen Sie Gott."

Das kann durchaus süffisant gemeint sein. Um öffentliche Selbstdarstellung ist der humorvolle und schlagfertige Chirurg selten verlegen. Doch der offene Umgang mit seinem Job hat dem Wissen über neue Möglichkeiten der Herzchirurgie gutgetan. So gingen 2001 Fotos von Baby Myrthe um die Welt. Die Ärzte des Herzzentrums hatte dem niederländisches Mädchen nach einer Herzmuskelentzündung das Leben gerettet - mit einer Mini-Herzpumpe, die das kranke Organ entlastete.

Das Pumpen-Programm machte schon früher Schlagzeilen. Ein Patient erholte sich mit diesem eingepflanztem Unterstützungssystem für den Kreislauf so gut, dass sich eine Herztransplantation erübrigte. Aus der Notlösung wurde System: Das Herzzentrum gründete ein Unternehmen für die Pumpen aus. Im besten Fall erholt sich damit das kranke Herz wie bei 180 glücklichen Patienten des Zentrums. Sonst überbrücken die Pumpen die Zeit bis zu einer Transplantation. Waren das früher wenige Wochen, kann es bei der Länge der Wartelisten heute ein Jahr werden - und manchmal ist es dann zu spät.

Bei geglückten Transplantationen gibt es dafür beachtliche Erfolge. 93 Patienten des Herzzentrums lebten seit mehr als 20 Jahren mit ihrem neuen Organ, 17 seit mehr als 25 Jahren, ergänzt Sprecherin Nickolaus. 1986 sei das unvorstellbar gewesen.

Dass Ärzte auf dem Land bis ins hohe Alter arbeiten, weil sie keine Nachfolger finden, ist ein eher neues Phänomen. Dass Herzchirurgen mit 70 noch lange nicht aufhören, gilt eher als normal. "So eine Erfahrung kriegt man doch nie wieder", heißt es im Herzzentrum. Als Geburtstagsgeschenk gibt es ein wissenschaftliches Symposium. Doch viele gehen davon aus, dass sich Hetzer etwas Neues suchen wird. Ein neuer Chef für Berlin - Verhandlungen laufen mit Volkmar Falk von der Uniklinik Zürich - neben dem alten Platzhirsch im OP? Das Duell der "Herzensgötter" mag sich niemand vorstellen.

apa.at

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