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APA-Artikel 19. Dezember 2013

Zahnspangen ohne Spezialisten

Das kann zu Diskussionen führen: Laut der Regierungserklärung soll es für Kinder und Jugendliche "Zahnspangen" vollständig auf Kassenkosten geben. Österreichs Kieferorthopäden fordern deshalb jetzt die Anerkennung ihrer Ausbildung an Universitäten und eine Liste der ausgebildeten Ärzte, erklärte Martin Brock, Präsident des Verbandes der Österreichischen Kieferorthopäden (VÖK), im APA-Gespräch.

"Wir haben seit mehr als 30 Jahren eine Vollzeit-Ausbildung zum Kieferorthopäden an den österreichischen Universitäten, jetzt an den Medizinischen Universitäten. Diese dauert insgesamt drei Jahre, umfasst 4.000 Stunden und baut auf die drei Jahre Zahnarztausbildung auf. Auf der anderen Seite kann jeder Zahnarzt kieferorthopädisch tätig sein. 90 Stunden Fortbildung erlauben es ihm, das auf seine Ordinationstafel zu schreiben", sagte Brock.

Wenn es den Reformern im österreichischen Gesundheitswesen auch um die Abdeckung von Versorgungslücken geht, die oft in der gesundheitspolitischen Debatte beschworene "Qualitätskontrolle" bzw. die für eine entsprechende Qualität vor allem notwendigen Grundbedingungen, sind für die dazu extra ausgebildeten Kieferorthopäden demnach nicht wirklich erfüllt.

"Man kann davon ausgehen, dass etwa 30 bis 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen eine kieferorthopädische Behandlung haben sollten", sagte der Verbandschef. Das ist für "Zahnspangen & Co." eine gehörige Menge an Patienten, die bisher - abzüglich der Beteiligungen der Krankenkassen - zu einem erheblichen Teil privat zahlten. Und wenn der Kostenersatz durch die Krankenkassen ausgeweitet werden soll, dann ergibt sich erst recht die Frage, wie effizient und in welcher Qualität die Versorgung dann geschieht.

"Wir Kieferorthopäden haben alle in unserer Klientel auch Kinder und Jugendliche, bei denen die ersten 'kieferorthopädischen' Maßnahmen schiefgelaufen sind. An sich wäre die Bezahlung der Kieferorthopädie durch die Krankenkassen eine vernünftige Regelung. Es wären wohl 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr notwendig. Aber die sollte man nicht 'freihändig' vergeben", sagte Brock.

Die Qualität der Versorgung würde - so der Experte - oft schon bei Diagnose und Bestimmung des optimalen Behandlungsbeginns anfangen: "Bei einem zu frühen Beginn dauert die Behandlung zwar oft länger, die Behandlungsergebnisse sind aber nicht besser." - Von der "Wiege bis zur Bahre" - es kommt eher auf eine im Einzelfall sprichwörtlich passgenaue kieferorthopädische Versorgung an.

Dazu internationale Details: In der Türkei gibt es den "Kieferorthopäden" als Titel offenbar schon seit Kemal Atatürks Zeiten (1927). In der Slowakei war es mit der Anerkennung bereits im Jahr 1954 so weit, in Norwegen gar schon im Jahr 1952. Laut dem österreichischen Verband fallen in Europa nur noch Österreich und Spanien aus dieser Liste heraus.

Keine Frage, das Thema "Zahnspangen" bzw. die kieferorthopädische Versorgung der Bevölkerung sind die Österreicher durchaus ein Thema: Laut einer repräsentativen Umfrage mit rund 1.000 Probanden, welche die Kieferorthopäden Mitte November durchführen ließen, berichten 26 Prozent der 15- bis 65-Jährigen davon, im eigenen Haushalt innerhalb der vergangenen fünf Jahre eine Zahnspangenversorgung gehabt zu haben. 50 Prozent der Österreicher konsultieren bei solchen Fragen eher den Zahnarzt, 40 Prozent einen Kieferorthopäden. 89 Prozent meinen, es gäbe Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

apa.at

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