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APA-Artikel 6. Dezember 2013

Von der Seele kann man kein Röntgen machen

Seit der Gründung im Jahr 1979 bilden die Psychosozialen Dienste in Wien ein breites Netzwerk an ambulanten Einrichtungen für eine umfassende sozialpsychiatrische Grundversorgung. Neben den acht Allgemeinen Psychiatrischen Ambulatorien des PSD-Wien gibt es noch Einrichtungen für Kinder- und Jugendliche, für ältere Menschen sowie Krisendienst- und 24-Stunden-Notdienststellen, Therapieeinrichtungen und die Psychosoziale Information. Insgesamt werden im Jahr bis zu 11.000 PatientInnen behandelt und betreut. wien.at sprach mit Georg Psota, Psychiater, Chefarzt und Leiter des Psychosozialen Dienstes-Wien.

wien.at: Bei körperlichen Beschwerden ist der Weg zum Arzt eine Selbstverständlichkeit. Schwerer fällt dieser bei einer psychischen Erkrankung. Warum ist das noch immer so?

Psota: Wir wissen eigentlich über psychische Erkrankungen sehr viel, deren Verläufe und Entstehungsbedingungen, was sich biochemisch und psychodynamisch tut, etc., aber der Rest der Welt eben nicht. Sowohl die Gesellschaft an sich und damit die PatientInnen, aber zum Teil auch die anderen medizinischen Fächer. Weiters kommt noch dazu, dass man alles Mögliche sein darf, nur nicht psychisch krank.

wien.at: Trotz des Tabuthemas - es hat den Anschein, die Anzahl der Menschen mit psychischen Störungen hat in den vergangen Jahren stark zugenommen und wird noch weiter steigen. Welche Gründe sind Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich?

Psota: Das ist nicht ganz so sicher, ob die Zahl tatsächlich steigt, es sieht eher danach aus, dass es Verschiebungen gibt. Bestimmte Krankheitsformen sind seit Jahrzehnten sehr stabil, wie beispielsweise die Schizophrenie, die bei einem Prozent der Bevölkerung vorkommt. Bei Depressionen kommt es auch darauf an, wie man diese definiert. Verändert man die Definition, sind es auf einmal viel mehr Betroffene. Was sicher der Fall ist, dass die Nutzung psychiatrischer Angebote stark zunimmt. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es tatsächlich mehr Kranke gibt oder ob die Menschen das Angebotsspektrum vermehrt annehmen und die Krankheit nicht mehr nur mit sich selbst ausmachen oder mit dem Hausarzt.

wien.at: Neben den unangenehmen Begleiterscheinungen im persönlichen und beruflichen Umfeld, kann auch das Selbsteingeständnis einer psychischen Erkrankung eine enorme Hürde darstellen. Wie kann hier den Betroffenen geholfen werden bzw. wohin soll man sich wenden?

Psota: Es geht darum, den Begriff "psychisch krank" aus der Tabuzone zu bringen, damit wäre es für Betroffene einfacher, sich das selbst einzugestehen. Große Persönlichkeiten der Weltgeschichte wie Abraham Lincoln oder Winston Churchill hatten "Zeiten des psychischen Krankseins", aktuell ist beispielsweise die psychische Erkrankung von Catherine Zeta-Jones in den Medien präsent. Wichtig ist, dass Betroffene professionelle Hilfe annehmen, hier gibt es in Wien viele Stellen, an die man sich wenden kann.

wien.at: Auf dem Weg der Genesung spielt die Geduld eine wichtige Rolle und weiters, dass sich Betroffene Zeit geben, um vollständig gesund zu werden und nachhaltig gesund zu bleiben. Gibt es hier Empfehlungen oder ist das individuell unterschiedlich?

Psota: Menschen die krank sind, sind generell ungeduldig. Das Leiden beziehungsweise die Schmerzen sollen so rasch wie möglich beendet werden, das trifft auch bei einer psychischen Erkrankung zu. Der zweite Punkt ist leider, man sieht das innerliche Leiden nicht. Prof. Stephan Rudas sagte immer: "Wir können von der Seele kein Röntgenbild machen". Gefühle und das innere Befinden sind schwer darstellbar und auch schwer sichtbar. Wer rein äußerlich gesund wirkt, hat auch den Druck wieder "normal zu funktionieren" und damit steigt natürlich die persönliche Erwartungshaltung. Die Dauer der Genesung ist individuell unterschiedlich, aber man sollte sich dafür in etwa die gleiche Zeitspanne geben, wie die Krankheitsdauer war.

wien.at: Was kann man vorbeugend tun, um psychisch gesund zu bleiben?

Psota: Primär präventiv ist es ganz schwierig etwas zu tun. Neben ausreichend Bewegung, gesunder Ernährung ist es wichtig, die eigenen Strukturen aufrecht zu erhalten, realistische Ziele zu setzen aber auch die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Mit einer konstanten Neugierde an das Leben herangehen und Emotionen in sein Leben zu integrieren, wenngleich das nicht immer einfach ist, sind mitunter ebenfalls hilfreiche Parameter. Bei der sekundären Vorbeugung, das heißt "ich habe einmal etwas gehabt, wie gehe ich jetzt damit um", gibt es unter dem Oberbegriff "Therapie" wirklich viele Möglichkeiten.

wien.at: Wie zufrieden sind Sie mit der psychosozialen Versorgung in Wien?

Psota: Die psychosoziale Versorgung in Wien ist gut. Es gibt eine breite Palette an Angeboten, wobei man die Abstimmung und das Management dieser Abstimmung nicht vergessen sollte, damit nicht drei das Gleiche machen und etwas anderes, was wichtig wäre, keiner - um es plakativ darzustellen. In Wien gibt es über 20 Anbieter in ganz Oberösterreich zwei, das verdeutlicht, wie wichtig das Kanalisieren und Abstimmen in Wien ist.

wien.at: Welche Anliegen bzw. Ziele für die Zukunft haben Sie als Leiter des Psychosozialen Dienstes Wien?

Psota: Mir ist grundsätzlich wichtig, dass unsere "Sozialpsychiatrische Tradition" aufrecht erhalten wird. Hier geht es nicht nur um die Psyche im medizinischen Sinn, sondern eben auch darum, wie es den psychisch erkrankten Menschen bei ihrer Arbeit, beim Wohnen mit ihren Angehörigen etc. geht. Das möchte ich der nächsten Generation von SozialpsychiaterInnen vermitteln. Weiters ist mein Ziel, die Kompetenz des PSD-Wien noch auszubauen, damit nationale und internationale Gremien sowie Institutionen verstärkt Expertisen und Meinungen von uns einholen. Das Wichtigste ist aber klar zu eruieren, ob all das was wir anbieten auch tatsächlich bei den PatientInnen ankommt und ihnen weiterhilft.

apa.at

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