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APA-Artikel 5. November 2013

Noch kein österreichweites Management von Spitalsinfektionen

Die Österreicher können weiterhin bei geplanten Eingriffen die Krankenhausabteilung nicht danach auswählen, wo die geringsten Infektionsraten auftreten. Es gibt kein umfassendes Meldesystem von Krankenhäusern an den Bund. Dabei stellt jede "nosokomiale Infektion" (Krankenhausinfektion) einen Fall für Fehlermanagement dar, stellten Montagabend Experten bei einem Round-Table Gespräch in Wien fest.

Laut einem aktuellen Bericht des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle (ECDC/Stockholm) erleiden in Europa jährlich rund 3,2 Millionen Menschen Infektionen in Spitälern, die eigentlich möglichst keimfrei sein sollten. Die Schätzungen gehen von rund 37.000 Todesfällen aus. Der Wiener Infektiologe Christoph Wenisch bei dem Podiumsgespräch der "Plattform Patientensicherheit": "Ich bin entsetzt, dass man in Wien Ignaz Semmelweis noch immer nicht kapiert hat. (...) Jede nosokomiale Infektion ist ein Fehler. (...) Das Krankenhaus ist nicht zu schützen. Der Patient ist zu schützen." Im Grunde sollte jeder Österreicher die Möglichkeit haben, an einem einfachen Ampelsystem zu erkennen, wie die jeweilige Spitalsabteilung im Vergleich zu ähnlichen Abteilungen bei der Infektionsrate abschneide.

Doch davon - speziell von durchgängiger Transparenz - kann offenbar keine Rede sein. Hier fehlt es seit Jahrzehnten an flächendeckenden, normierten und aussagekräftigen Datenerhebungen in Österreich. Reinhild Strauss vom Gesundheitsministerium: "Es ist nicht so, dass die Daten an den Bund gemeldet werden müssen." Es gebe derzeit auch noch keine vergleichbaren Datensätze. Allerdings, im Bundeszielsteuerungsvertrag zwischen Bundesländern, Sozialversicherung und Bund fände sich aber der Plan für ein einheitliches Meldesystem. Doch die gesetzlichen Grundlagen sind offenbar noch nicht vorhanden.

Die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz: "Aus Sicht der Patienten ist Transparenz unabdingbar. (...) Wir müssen zu einer Null-Toleranz kommen. Davon ist in Österreich keine Rede." Freilich, während handgreifliche Fehler in Diagnose, Therapie und Pflege bei aufgetretenen Schäden relativ einfach bestimmten handelnden Personen zuzuschreiben sind, verbreiten sich oft Antibiotika-resistente Spitalskeime als Bakterien klassisch "unauffällig" und "anonym". Schwerstkranke und Betagte sind von Haus aus durch eine schlechtere Immunsituation mehr gefährdet - und finden sich auch öfter im Krankenhaus.

Die Angelegenheit der Spitalsinfektionen hat auch einen typisch österreichischen, gesundheitspolitischen Hintergrund, so Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer: "Wenn wir die Hospitalisierungsrate in Österreich auf den EU-Durchschnitt brächten, hätten wir statt jährlich rund 113.000 nosokomiale Infektionen rund 40.000 weniger." Dagegen wären alle anderen möglichen rigorosen Hygienemaßnahmen weit ineffizienter. Zu Spitalsinfektionen gehören eben Krankenhausaufenthalte, und hier ist Österreich mit Deutschland an der Weltspitze.

Während Krankenhaushygiene oft allein an den Ärzten festgemacht wird, wären entsprechende Maßnahmen auch beim Krankenpflegepersonal wichtig. Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, betonte, dass die vorgeschriebene Händedesinfektion nur von 30 bis 60 Prozent des Pflegepersonals durchgeführt werde. Pionier Ignaz Semelweis hat weiterhin zuwenige Fans in der täglichen Spitalsroutine.

apa.at

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