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APA-Artikel 5. November 2013

D: Ohne Hürden zum Arzt - Neue Ansätze gegen Ärztehopping gesucht

Zahnärzte haben seit dem Aus für die Praxisgebühr mehr Zulauf. Doch insgesamt hielt der Aufschlag Patienten kaum von Arztbesuchen ab. Wie wollen Union und SPD künftig eine bessere Behandlung erreichen?

Deutschlands Zahnärzte warten mitten in den heiklen Koalitionsverhandlungen zur künftigen medizinischen Versorgung mit einer Überraschung auf. Die Praxisgebühr, so legen neue Zahlen nahe, zeigte wohl doch Wirkung - anders als lange gedacht. Nach ihrem Wegfall zum Jahresende strömten Hunderttausende Patienten zusätzlich in die Praxen. Was soll Patienten künftig von Ärzte-Hopping abhalten?

Im ersten Halbjahr 1013 rechneten die Zahnärzte 42,3 Millionen Behandlungsfälle ab - direkt nach dem Ende der Gebühr. In den ersten sechs Monaten 2012 waren es nur 40,8 Millionen. Aus Sicht der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung eine positive Entwicklung. "Nach Einführung der Gebühr im Jahr 2004 waren die Patientenzahlen um fast zehn Prozent eingebrochen", sagt ihr Chef Jürgen Fedderwitz. "Diese negative Steuerungswirkung ist jetzt zum Glück weg." Es kämen auch wieder mehr Patienten zur Vorsorge.

Neu daran ist, dass ein führender Funktionär des Gesundheitswesens der Gebühr eine eindeutige Steuerungskraft zumisst - wenn Fedderwitz auch froh ist, dass jetzt weniger Versicherte vom Gang zum Arzt abgehalten würden. Als vor gut einem Jahr die Debatte entbrannte, ob die Gebühr nach acht Jahren nicht gestrichen werden könne, waren sich eigentlich alle einig: Der Aufschlag den Krankenkassen bringe zwei Milliarden Euro im Jahr, halte aber die Menschen in Deutschland nicht von unüberlegten Gängen zum Arzt ab. Unverändert sollen es im Schnitt rund 18 Arztbesuche pro Jahr sein. Die Qualität und das Arzt-Patienten-Gespräch würden darunter leiden, hieß es.

Wie hat sich das Aus für die Gebühr bei anderen niedergelassenen Ärzten ausgewirkt? Auch hier gab es teils deutliche Steigerungen. So verzeichneten die Hausärzte im ersten Quartel 6,3 Prozent mehr Patienten in Bremen und Berlin, 4,2 Prozent mehr im Rheinland, 5,5 in Hessen und 5,1 Prozent mehr in Baden-Württemberg. Bei Fachärzten gab es aber allenfalls geringe Steigerungen. Und die Kassenärztliche Bundesvereinigung betont auch, Hauptgrund für den Hochbetrieb bei Allgemeinmedizinern sei die Grippewelle der ersten Monate gewesen. Viel weniger Überweisungen hätten die Ärzte aber ausgestellt: Die brauchte man vormals, um die Praxisgebühr nicht mehrfach zu zahlen.

Grund zur Sorge müssen Ärzte und Patienten ohnehin nicht haben. Die ungeliebte Gebühr wollen Union und SPD nicht wiederbeleben. Das heißt aber nicht, dass der Gang zum Arzt völlig ungeregelt sein soll. Auf was müssen sich die Patienten einstellen?

Vor allem die Sozialdemokraten wollen, dass sich mehr Menschen fest an ihren Hausarzt binden. Das Mittel: Hausarztverträge. Zwar gibt es die schon bundesweit. Aber von den rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten nehmen heute nur 3,1 Millionen daran teil. 16 000 Ärzte sind beteiligt. 545 solcher Verträge zwischen Kassen und Ärzten gibt es. In 193 Fällen ist aber Streit darum in Schiedsverfahren anhängig. Bei den Kassen ist eigentlich nur die AOK Baden-Württemberg richtig begeistert von dem Modell.

Dabei wirken diese Verträge womöglich besser gegen Ärztehopping als Gebühren - doch könnten sie künftig auch erst einmal die Kosten in die Höhe treiben. Beteiligte Patienten sollen immer zuerst zum Hausarzt gehen, vor allem chronisch Kranke intensiver versorgt werden. Die Ärzte verdienen dafür tendenziell besser. Heute gilt allerdings eine Sicherungsklausel, nach der die Hausarztverträge nahezu kostenneutral sein müssen - die könnte künftig fallen.

Dafür, so ist auch von den Verhandlern zu hören, könnten neue Programme aufgelegt werden für einen besseren Kampf gegen die weit verbreiteten Depressionen und Rückenschmerzen. Hausärzte könnten Patienten mit diesen Krankheiten mit mehr Augenmerk therapieren und dabei eng mit bestimmten Fachärzten und Therapeuten zusammenarbeiten. Selbst wenn das zuerst ins Geld ginget, könnte es später auch beim Sparen helfen - etwa bei den zuletzt immer zahlreicheren Rücken-OPs.

Ist also künftig der Hausarzt der Dreh- und Angelpunkt gegen Ärztehopping? Bei der Union ist man über die weitgehenden Vorstellungen der SPD noch uneins. Allerdings will man auch beim größeren Partner der künftigen Koalition prinzipiell mehr Licht ins Dunkel der Qualität der Praxisärzte bringen. Heute ist wenig bekannt über deren unterschiedliche Behandlungserfolge. In Verhandlungskreisen hieß es, Fortschritte gegen Widerstände der Ärzteschaft stünde einer große Koalition hier gut zu Gesicht.

Von Basil Wegener, dpa

apa.at

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