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APA-Artikel 8. Oktober 2013

Psychische Erkrankungen: IHS-Studie belegte Psychiater-Engpass

Rund 1,4 Millionen Österreicher leiden laut Experten an einer psychiatrischen Erkrankung. Etwa 900.000 nehmen dafür pro Jahr Leistungen der Krankenversicherungen in Anspruch. Auch in den kommenden Jahren ist ein steigender Bedarf an psychiatrischen Leistungen zu erwarten. Das unabhängige Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien hat dazu 2011/2012 eine Psychiater-Bedarfstudie erstellt, die im Jänner 2012 veröffentlich wurde. Fazit: Für das Jahr 2030 ist mit einem Manko von rund 340 Psychiatern (Vollzeitäquivalente) in Österreich zu rechnen.

Die Studie war von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) in Auftrag gegeben worden. Monika Riedl vom IHS und die Co-Autoren berechneten in mehreren Szenarios den "Psychiatrie-Bedarf" und mehr oder weniger wahrscheinlich zur Verfügung stehende Fachärzte in diesem Bereich zwischen 2010 und 2030 berechnet. Daraus ergaben sich drei Varianten mit einem Ausgangspunkt von 1.062 Psychiatern im Jahr 2010:

- Rein demografisch bedingt (Alterung der Bevölkerung) würde der Bedarf an Psychiatrie-Fachärzten bis 2030 in Österreich auf 1.122 Vollzeitäquivalente steigen.

- Beim wahrscheinlichsten Szenario mit einem ausklingenden Wachstum des Bedarfs würden im Jahr 2030 dann 1.267 Psychiater für die Versorgung notwendig sein (etwa plus 20 Prozent).

- Kommt es zu einer starken "Ambulantisierung" der Psychiatrie, würden um 50 Prozent mehr Fachärzte benötigt.

Auf der anderen Seite bedingen laut der Studie die in den kommenden Jahren anstehenden Pensionierungen - das Durchschnittsalter österreichischer Psychiater beträgt "50+" -, weniger Medizinabsolventen (Selektion vor und am Beginn des Studiums) sowie die zu erwartende Abwanderung von ausländischen Absolventen eine Reduktion des Nachwuchses. Dies bedeute in einem optimistischen Ansatz im Jahr 2030 nur noch 1.088 zur Verfügung stehende Psychiater (minus 179 im Vergleich zum Bedarf), in einem Hauptszenario 931 derartige Fachärzte (minus 336) und in einem pessimistischen Szenario nur noch 859 Psychiater (minus 408).

Monika Riedel erklärte bei der Präsentation der Studie Anfang 2012: "Wir haben noch fünf oder sechs Jahre, in denen sich Angebot und Bedarf ähnlich entwickeln werden. (...) Um das Jahr 2018 müssen wir damit rechnen, dass da eine Schere aufgeht." Ab dann würde wahrscheinlich ein Mangel erkennbar werden.

Dabei ist insbesondere zu berücksichtigen, dass gerade in der Psychiatrie der Zugang zu Fachärzten mit Kassenvertrag wichtig ist. Die Zahl der Psychiater insgesamt selbst sagt laut Experten wenig darüber aus, wie gut die Versorgung ist. Wenn diese vermehrt in den Spitalsbereich oder in die "private" Psychiatrie abwandern, ist der Masse der Betroffenen wenig geholfen.

Für Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien, wäre es vor allem einmal wichtig, dass man psychiatrische Erkrankungen voll in die Medizin integriere und die Forschung intensiviere: "Psychiatrische Erkrankungen sind Erkrankungen des Gehirns mit systemischer Ausbreitung auch auf psychosozialer Ebene."

Dem gegenüber stehe ein falsches Bewusstsein in der Bevölkerung, so der Experte: "Suizide sind in Österreich häufiger als tödliche Verkehrsunfälle." Die Gewichtung in der Öffentlichkeit liege aber anders. In Europa müsse man laut Berechnungen von 800 Milliarden Euro Kosten pro Jahr für psychiatrische und neurologische Erkrankungen ausgehen. Dies sollte der Gesellschaft bewusst sein.

apa.at

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