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APA-Artikel 16. August 2013

Ein Arzt ohne Gewissen? - Prozess gegen Leberchirurgen startet

Die mutmaßlichen Manipulationen eines Göttinger Oberarztes haben das Vertrauen in die Organspende erschüttert. Jetzt steht der 46-Jährige wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Aus Sicht der Ärztekammer greifen die durch den Skandal ausgelösten Reformen.

Der Skandal um einen Göttinger Transplantationsmediziner löste die Krise der Organspende aus. Von diesem Montag an muss sich der 46 Jahre alte Arzt vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Das Schwurgericht betritt dabei juristisches Neuland. Nach Angaben der Bundesärztekammer handelt es sich um den bundesweit ersten Strafprozess wegen des Verdachts der Manipulation bei der Organvergabe. Die Justiz in Sachsen und Bayern wird wohl mit besonderem Augenmerk nach Göttingen schauen, denn auch an Kliniken in Leipzig, Regensburg und München soll es Tricksereien gegeben haben.

Was wirft die Staatsanwaltschaft dem ehemaligen leitenden Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik konkret vor?

Der Medizinprofessor soll in elf Fällen bei der Meldung von Patientendaten an die zentrale Vergabestelle für Spenderorgane "Eurotransplant" bewusst falsche Angaben gemacht haben. So habe er falsche Blutwerte übermittelt oder fälschlich erklärt, es handele sich um Dialysepatienten. Dadurch seien seine Patienten auf der Warteliste so weit nach oben gerutscht, dass sie innerhalb kürzester Zeit ein Spenderorgan erhielten. Als Folge hätten andere, lebensbedrohlicher erkrankte Menschen kein Spenderorgan erhalten. Den möglichen Tod dieser Menschen habe der Arzt zumindest billigend in Kauf genommen. Daher lautet die Anklage auf versuchten Totschlag.

Gibt es weitere Vorwürfe?

In drei Fällen soll der Mediziner Patienten Lebern übertragen haben, obwohl diese nicht so lebensgefährlich erkrankt waren, dass dies erforderlich gewesen wäre. Zudem hätten medizinische Befunde gegen eine Organübertragung gesprochen. Dem Arzt sei bewusst gewesen, dass die Transplantation den Patienten keine gesundheitlichen Vorteile bringe, aber Risiken berge. Alle drei Patienten starben nach der OP. Sie hätten den Eingriffen zwar vorher zugestimmt. Weil sie aber nicht darüber aufgeklärt gewesen seien, dass die Operationen nicht erforderlich waren, wertet die Staatsanwaltschaft sie als Körperverletzung mit Todesfolge.

Welche Motive hatte der Arzt für die mutmaßlichen Manipulationen?

Der ursprüngliche Verdacht, Patienten hätten sich eine bevorzugte Zuweisung von Spenderorganen erkauft, hat sich der Staatsanwaltschaft zufolge nicht bestätigt. Der Vorwurf der Bestechlichkeit gegen den Arzt wurde deshalb fallen gelassen. Der Mediziner selbst hat sich öffentlich bisher nicht geäußert. Zum Motiv gibt es deshalb nur Spekulationen. Möglicherweise spielten finanzielle Interessen oder Selbstüberschätzung eine Rolle. Kritiker der Transplantationspraxis in Deutschland sehen Fehler im System. "Wir haben zu sehr auf ein Gewissen vertraut, aber wir sehen, Ärzte sind auch gewissenlos", sagte Eugen Brysch, Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz, der dpa.

Welche Strafe erwartet den 46-Jährigen im Fall einer Verurteilung?

Totschlag wird mit bis zu fünf Jahren Haft, in besonders schweren Fällen auch mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet. Für Körperverletzung mit Todesfolge sieht das Gesetz Haftstrafen von bis zu drei Jahren vor. Einen Teil der Strafe hätte der Angeklagte in jedem Fall bereits verbüßt. Der aus dem arabischen Raum stammende Arzt sitzt seit Januar wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.

Was wurde getan, um ähnliche Betrügereien bei der Organvergabe künftig zu verhindern?

Der Gesetzgeber und die Selbstverwaltung hätten ein ganzes Maßnahmenbündel für mehr Kontrolle und Transparenz auf den Weg gebracht, teilte die Ärztekammer am Freitag mit. Das Risiko neuer Fälle hält Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery für gering: "Nie war die Transplantationsmedizin sicherer als heute", sagte er bereits im März. Teams einer Prüfungs- und Überwachungskommission nehmen alle deutschen Transplantationszentren unter die Lupe. Der Abschlussbericht für die Leberzentren soll am 4. September vorgestellt werden. Die verschärften Vor-Ort-Kontrollen greifen, betonte Montgomery mit Blick auf den Prozess in Göttingen.

apa.at

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