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APA-Artikel 13. August 2013

D: Medizinstudent im Praktischen Jahr - Lernen, auch mal Nein zu sagen

Wenn Medizinstudenten den Bielefelder Prozess gegen einen angehenden Arzt verfolgen, kann manchen angst und bange werden. Das Praktische Jahr ist ein Minenfeld. An diesem Mittwoch fällt das Urteil.

Egal wie das Urteil des Bielefelder Landgerichts an diesem Mittwoch ausfällt: Der Arzt, der noch als Student im Praktischen Jahr den Tod eines Babys verursacht hat, wird dieses Unglück nicht mehr los. Der Vorsitzende Richter hat schon durchblicken lassen, dass auch am Ende der Berufungsverhandlung wieder eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung stehen dürfte. Und Medizinstudenten werden sich wieder fragen, ob sie im Praktischen Jahr nicht immer mit einem Bein im Gefängnis stehen.

Der Angeklagte war 2011 Student im Praktischen Jahr (PJ) am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld. Am 22. August gab der junge Mann, erst seit fünf Tagen auf der Station, einem zehn Monate alten Jungen ein Antibiotikum aus einer unbeschrifteten Spritze nicht oral, sondern über einen Venenkatheter. Eine Schwester hatte die Spritze im Krankenzimmer auf einen Nachttisch gelegt - die Mutter sollte ihrem Kind das Medikament in den Mund träufeln. Das Baby erlitt einen allergischen Schock, stundenlang kämpften die Ärzte um sein Leben - vergeblich.

Das Amtsgericht verurteilte den Studenten im Oktober 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 1800 Euro. Jetzt könnte die Geldstrafe etwas niedriger ausfallen, der Aspekt mit den Spritzen sei neu, sagte Richter Wolfgang Lerch. In dem Krankenhaus waren die Spritzen für intravenös und oral zu verabreichende Medikamente identisch.

Eine Gefahrenquelle, die in vielen anderen Kliniken längst abgestellt worden sei, kritisierte der Studiendekan der medizinischen Fakultät der Universität Münster, Bernhard Marschall. Schon am Tag nach dem Vorfall stellte das Krankenhaus seine Praxis um. Für die Medizinstudenten in Münster war das damals ein klares Zeichen, dass man ihren Kommilitonen nicht zum alleinigen Sündenbock machen könne.

Der Approbationsordnung zufolge sollen die Studenten im PJ "entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen".

Was bedeutet das? "Wenn ein Arzt dabei ist, darf ich im PJ alles machen, was der mir zutraut", fasst Kristian Otte die Vorgabe grob zusammen. Er ist Vorsitzender der Medizin-Studierenden im Hartmannbund und absolviert derzeit selbst sein Praktisches Jahr.

"Das Urteil hat bei uns wie eine Bombe eingeschlagen", sagt Studiendekan Marschall. "Es stellt die ganze Praxis infrage." Der PJ-Student sei ein kleines Rädchen im Getriebe einer Klinik. "Da bekommt er täglich Aufträge, die nicht immer so formuliert sind, wie es ein Jurist gerne hätte."

"Es kann sein, dass man als Student im PJ Sachen machen soll, die man erst als Arzt alleine tun darf", sagt auch Medizinstudent Otte. "Aber dann muss man eben das Rückgrat haben, Nein zu sagen." Leichter gesagt als getan, gibt Studiendekan Marschall zu bedenken. Den jungen Leuten werde eingetrichtert, auf Ärzte und Pflegepersonal zu hören, um möglichst viel zu lernen. Zudem würden sie als günstige Arbeitskräfte eingesetzt. Und dann sollten sie vor jedem Handgriff immer erst den vorgesetzten Arzt fragen oder in der Krankenakte blättern? Für die Studenten ein Dilemma.

Studiendekan Marschall glaubt offensichtlich nicht, dass die Klinik völlig schuldlos ist. "Ich will dem Krankenhaus nichts Böses. Aber ich fände es sinnvoll, wenn die Staatsanwaltschaft die Organisationsvorgaben der Klinik prüfen würde." So bliebe der Handlungsdruck auf die Krankenhäuser aufrechterhalten, Gefahrenquellen auszuschalten. "Denn mit einer Beschriftung und unterschiedlichen Spritzen wäre das hier alles nicht passiert."

Von Matthias Benirschke, dpa

apa.at

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