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APA-Artikel 1. Juli 2013

D: Hoffnung für Risikopatienten - Regeln gegen Todesgefahr in der Klinik

Muss eine Klinik immer in der Nähe sein? Nein - wichtiger sind oft Erfahrung und Qualität. Deshalb gibt es nun strenge Vorgaben bei Frühchen. Das Beispiel könnte für viel mehr Patienten Schule machen.

In einer Frühchenstation zeigt sich die gefährliche Lage der Patienten meist nicht durch hektisches Treiben. In Glaskästen liegen die zarten Babys feucht und warm. Doch so friedlich das wirken mag, so heftig sind die Dramen, die sich bei den Eltern abspielen: Werden sie ein gesundes Kind mit nach Hause nehmen? Wird es behindert oder stirbt es? Nach langem Gezerre sollen nun strengere Vorgaben für die Kliniken die Überlebenschancen erhöhen. Und an einflussreicher Stelle im Gesundheitswesen werden Forderungen laut, dass das auch für Transplantationen, Krebs und anderes Schule macht.

Es ist eine unscheinbare Institution mit einer Allerweltsfassade aus Glas und Stein im Berliner Stadtviertel Tiergarten, die die deutschen Krankenhäuser unter Druck setzt: der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Vertreter von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken und einige Unparteiische fassen hier weitgehende Beschlüsse.

Pro besonders gefährdetem Frühchen muss eine Klinik demnach künftig mindestens eine Kinderkrankenschwester oder einen Fachpfleger haben. Weitere Vorschriften kommen hinzu. Damit überwindet der G-BA ein einschneidendes Urteil. Zum Verdruss des energischen Ausschusschefs Josef Hecken hatte das Bundessozialgericht die Vorgabe des Gremiums für nichtig erklärt, dass nur erfahrene Kliniken mit mindestens 30 Frühchen im Jahr diese Patienten versorgen dürfen.

"Jetzt haben wir die bessere Betreuung als Muss-Vorschrift beschlossen", sagt Hecken. Ein Frühchen bringt einer Klinik einen Umsatz in sechsstelliger Höhe. Aber wegen des enormen Aufwands braucht eine normale Klinik laut Experten mehr als 25 Fälle, damit es sich rechnet. Trotzdem wollen viele der 320 Häuser mit Perinatalzentren nicht davon Abschied nehmen - aus Imagegründen. Hecken meint, für viele stelle sich nun die Frage der Wirtschaftlichkeit neu. "Das ist nicht unerwünscht."

Laut AOK-Chef Uwe Deh geht es um Leben und Tod: "Studien zeigen beispielsweise, dass bei Kliniken mit weniger als 30 Fällen pro Jahr das Sterberisiko für Kinder unter 1500 Gramm Geburtsgewicht um 80 Prozent höher ist als in Kliniken mit mehr als 50 Fällen." Bei der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin sieht man das ähnlich.

Präsident Rainer Rossi erklärt, Frühchen bräuchten optimal aufgestellte Ärzte- und Pflegeteams. "Selbst wie viele Keime eine Schwester eventuell verschleppt, hängt auch davon ab, um wie viele Patienten sie sich kümmern muss." In Finnland und Schweden gebe es weniger, aber bessere Kliniken für Frühchen - und im Verhältnis weniger Tote. Es wird laut Experten Zeit, dass sich etwas tut. Seit rund zehn Jahren nahmen extreme Frühgeburten um 65 Prozent zu.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) stellt die strengen Regeln aber infrage. "Die DKG beobachtet mit Sorge, dass die Anforderungen (...) im Sinne idealtypischer Ausstattung überzogen werden", sagt Geschäftsführer Georg Baum. Es gebe zu wenig Personal. Zeige sich nach der geplanten Übergangsfrist, dass die Vorschriften nicht umsetzbar seien, müsse der Beschluss revidiert werden können.

Ist es nicht auch besser, wenn eine Klinik in unmittelbarer Nähe ist? Bei einer Frühgeburt gebe es meist genug Vorlauf für einen weiteren Weg ins Krankenhaus, hält Hecken dem entgegen. Wie bei vielen anderen Therapien. Wie wird man seitens der heute noch rund 2000 Kliniken wohl reagieren, wenn Gesundheitspolitiker und G-BA die Spezialisierung weiter vorantreiben?

AOK-Chef Deh sagt: "Bei Transplantationen, der Endoprothetik (Kunstgelenken) und bei Erkrankungen der Wirbelsäule ließe sich das sehr schnell umsetzen." Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach führt Darmkrebs an. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn meint: "Gerade bei schwierigen Eingriffen wie der Behandlung von Frühchen oder der Transplantation von Organen kommt es auf Expertise und Erfahrung an."

Hecken deutet an, dass auch die Tage bald gezählt sein könnten, an denen in Deutschland an rund 50 Kliniken Organe transplantiert werden. Der streitbare G-BA-Chef sagt: "Für alle komplexen medizinischen Eingriffe sind strenge Qualitätsvorgaben erforderlich, die die Bildung von Zentren befördern."

Von Basil Wegener, dpa (Foto - Archiv)

apa.at

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