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APA-Artikel 22. April 2013

Drogensubstitution: Für Linzer Juristen ist Sachlichkeit gefordert

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (V) hat eine Debatte über die Drogenersatztherapie losgetreten. Jetzt melden sich nach den behandelnden Ärzten - die Patienten sind dazu wohl wegen der Stigmatisierung ihrer Erkrankung in der Öffentlichkeit nicht der Lage - auch Juristen zu Wort. Zu "Sachlichkeit" riefen am Montag in einer Aussendung Richard Soyer und Stefan Schumann (beide vom Institut für Strafrechtswissenschaften an der Johannes Kepler Universität/JKU in Linz) auf. Sie haben erst vergangenes Jahr an einem großen internationalen Forschungsprojekt zu diesem Thema mitgearbeitet.

Das Projekt hatte den Titel „Illegale Drogen und Drogendelikte – neue Herausforderungen und Entwicklungen in der europäischen Strafrechtsentwicklung“ gearbeitet (IDDO-Report), so eine Aussendung der Universität am Montag. Soyer: "Unbestreitbar ist: Drogensucht ist eine Krankheit. Und wie Krankheiten wirksam zu behandeln sind, ist eine medizinische Frage; sie ist von den medizinischen Wissenschaften zu klären. Klar ist auch, dass sich medizinische Behandlungen nicht im rechtsfreien Raum bewegen und es nicht immer eindeutige Lösungen gibt."

In dem Bericht ging es besonders um das Zusammenspiel von Justiz und Medizin. Soyer: „Der Report belegt, dass mangelnde Kommunikation und dadurch bewirkte Missverständnisse zwischen den verschiedenen Berufsgruppen, die mit dem Spannungsfeld von Sucht, Therapie und Strafe befasst sind, zu einem der größten Probleme im Umgang mit Sucht und Suchtgiftkriminalität zählen.

Der Experte weiter: „Dieser eklatante Mangel erschwert es, das Problem an der Wurzel zu packen. Die Wurzel aber sind vielfältige Formen klinisch diagnostizierbarer psychiatrischer Erkrankungen, die mit Substanzmissbrauch einhergehen und diesem zugrunde liegen.“

Die Unterschiede seien eklatant: So befürworteten 79 Prozent der österreichischen Ärzte mit solchen Erfahrungen eine erforderlichenfalls lebenslange Substitutionstherapie (Drogenersatztherapie) als Ausstiegsmöglichkeit aus der Drogensucht, während nur elf Prozent der heimischen Richter und Staatsanwälte darin eine sinnvolle Gangart sähen. Anders sei das in Spanien, einem Land mit einer liberalen Drogenpolitik: Mehr als 77 Prozent der befragten Richter und Staatsanwälte, mehr als 73 Prozent der befragten Therapeuten forderten den Ausbau der Möglichkeiten, neben oder statt einer Strafe gesundheitsbezogene Maßnahmen anzuordnen.

Generell wären die Ansätze zwischen den Ländern enorm unterschiedlich: Während in Spanien jeder Dritte von 60.000 Strafgefangenen eine Methadon-Behandlung erhält, stehen in Polen nur 1.000 Plätze für Drogenentzugs- und Substitutionsprogramme zur Verfügung. In Österreich gibt es mehr als 200 spezialisierte Einrichtungen für Drogensucht-Betroffene; 8,6 Prozent der 8.800 Gefangenen unterziehen sich laut den Strafrechtsexperten einer Drogenersatztherapie.

In der in Österreich laufenden Debatte werden auch "Kostenberechnungen" für die Auswirkungen des Drogenkonsums genannt. Dazu gibt es einen Report der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) in Lissabon aus dem Jahr 2008. Demnach belaufen sich die öffentlichen Ausgaben auf 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in der EU (plus Norwegen und Kandidatenländern) oder 60 Euro pro Jahr und EU-Bürger.

apa.at

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