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APA-Artikel 25. März 2013

Strahlenmediziner Lengfelder wird 70 - Entspannung beim Baumfällen

Er gilt als unermüdlicher Mahner gegen Atomkraft. Der Münchner Strahlenmediziner Edmund Lengfelder war nach Fukushima einer der begehrtesten Interviewpartner. Mit 70 setzt er seine Mission fort.

Ein ausgefallenes Hobby hat er, zumal für einen 70-Jährigen: Baumfällen. Meistens ist der Münchner Strahlenmediziner Edmund Lengfelder aber unterwegs, um sein Lebensziel vorzubringen: Aufklärung über die Gefahren der Atomenergie und Hilfe für die Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Am Karsamstag wird er 70 Jahre alt. Feiern will er im engen Kreis von Freunden und Familie. Davor reist er nach Weißrussland, wo er seit 20 Jahren in der Stadt Gomel mit Kollegen seines Otto-Hug-Strahleninstituts und örtlichen Ärzten ein Schilddrüsenzentrum betreibt.

"Bei uns wird immer so getan, als wäre Tschernobyl weit weg und lang her. Real ist es überhaupt nicht vorbei." Gut 100 000 an der Schilddrüse erkrankte Menschen konnten in Gomel behandelt werden. "Die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle ist weiter hoch." Die Rate sei bis heute drei- bis sechsfach erhöht. Ein Unfall im dicht besiedelten Deutschland würde weit mehr Menschen treffen, warnt Lengfelder.

Auch nach Fukushima sei wegen der hohen Bevölkerungsdichte mit weit mehr Fällen zu rechnen als nach Tschernobyl, sagt der Arzt, der nach dem Unfall zu den begehrtesten deutschsprachigen Interviewpartnern zählte. Viele Kinder hätten Schilddrüsenanomalien. Dabei seien zwei Jahre nach dem vierfachen Supergau viele Menschen nicht einmal ärztlich untersucht worden. Viele lebten weiter in Notunterkünften; Lebensmittel würden nicht ausreichend kontrolliert. "Wenn man Fukushima und Tschernobyl vergleicht, muss man sagen: Hut ab vor den Sowjets, in welcher konsequenten Weise sie Personen- und Bevölkerungsschutz durchgeführt haben im Vergleich mit den Japanern."

Lengfelder, geboren in Weiden in der Oberpfalz, wuchs auf dem Land auf. Die Ferien verbrachte er in Sägewerken seiner Onkel, fuhr Stapler - und lernte, wie man Baume fällt. In den 1960er Jahren studierte und promovierte er in München bei dem Strahlenbiologen Otto Hug und habilitierte sich 1979 für das Fachgebiet Strahlenbiologie. 1983 wurde er an das Strahlenbiologische Institut der Ludwig-Maximilians-Universität berufen. Seit fünf Jahren ist er im Ruhestand - sein Institut wurde geschlossen.

"Der Ruhestand ist nicht so, dass man sagt: Ich sitz zu Hause und lese in Ruhe die Zeitung. Langweilig ist es mir nicht." In seine Hobby-Schreinerwerkstatt schafft er es meist nur abends. Seine Frau packt dort gerne an: Die Möbel für die gemeinsame Wohnung nach der Hochzeit schreinerten die beiden zusammen. Mit seiner Holzfäller- Ausrüstung - inklusive vier Kettensägen - rückt Lengfelder besonders gerne aus, wenn es um einen schwierig zu fällenden Baum geht. "Das ist auch eine naturwissenschaftliche Herausforderung - wie gehe ich da heran, wie fällt er?"

Meist ist Lengfelder unterwegs, hält Vorträge bei Ärztekammern in Deutschland und Österreich, engagiert sich bei der Facharztausbildung und berät Feuerwehren zu nuklearen Risiken. "Die Feuerwehren sind ja sie ersten, die nach einer Havarie ausrücken müssen."

Mit Tschernobyl begann seine Karriere als Mahner gegen die Atomkraft. Mit Kollegen fuhr er ins Unglücksgebiet. "Wenn man dann sieht, wo es überall fehlt, und wenn man aus der eigenen beruflichen Tätigkeit weiß, was man tun könnte, dann ist klar: Wir müssen etwas machen, wir können die Leute nicht einfach sích selbst überlassen." 1991 gründete Lengfelder das Otto-Hug Strahleninstitut und errichtete das Schilddrüsenzentrum in der besonders betroffenen Region um Gomel.

Sein neuestes Projekt: Auf radioaktiv verseuchten Böden um das Atomkraftwerk soll Bioenergie gewonnen werden. "Wir untersuchen gerade die Frage, inwieweit Biomasse in der Sperrzone für die Herstellung regenerativer Energie nutzbar ist." Nahrungsmittel könnten dort nicht erzeugt werden, aber Bio-Wasserstoff aus Biomasse. "Das hat mehr Zukunft als Biogas, weil es eine höhere Effizienz hat." Mit weiteren Plänen ist er zurückhaltend. "Ich werde jetzt 70 - da denkt man nicht mehr so endlos weit in die Zukunft."

Gefragt nach seinen Wünschen sagt er: "Ein baldiger Atomausstieg - ja! Politisch hab ich eine ganze Reihe von Wünschen, aber die stehen zu meinem Geburtstag nicht zur Disposition." An den Ausstieg in Deutschland glaube er erst, "wenn das letzte Kraftwerk abgeschaltet ist". Geburtstagsgeschenke will Lengfelder nicht, lieber Spenden. "Damit wir weiterhin unsere Patienten versorgen können. Die Stimme zu erheben - das halte ich für eine wichtige Aufgabe meines Daseins."

apa.at

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