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APA-Artikel 18. März 2013

Hausarztmodell am Abgrund

Österreichs Hausärzte haben genug. Seit Jahrzehnten werde die Aufwertung des Hausarztes als tragendes Element einer "Gesundheitsreform" von den Politikern versprochen. Ein Lippenbekenntnis. Denn die traurige Realität sieht anders aus: "Ärztliche Leistung wird geringgeschätzt, die Ausbildung immer schlechter, die Tarifsituation unerträglich. Dafür werden den Ärzten bürokratische Hürden aufgebaut und zudem - ironischerweise unter Wortführung der Patientenanwälte - die öffentliche Wertschätzung demontiert", so Hausärzte-Präsident Dr. Christian Euler.

Im Rahmen eines Diskussionsabends am 16. April im Wiener RadioKulturhaus zeigt der Österreichische Hausärzteverband die dramatische Ambivalenz des Geschehens auf. Gleich zwei aktuelle Studien weisen die Leistungsfähigkeit und soziale Relevanz der Allgemeinmedizin nach. Allerdings: Die Gesellschaft hat oft nichts davon, denn die Rahmenbedingungen lassen ein qualitätsvolles Wirken nur noch selten zu. Am Beispiel zweier renommierter österreichischer Ärzte, die daraus die Konsequenzen zogen, lässt sich erkennen: "Mein Arzt ist weg" ist keine Panikmache, sondern Alltag in einem politischen Umfeld, das den niedergelassenen Arzt in Wahrheit an den Abgrund drängt.

Aktuelle Hausarzt-Studien

In einer breit angelegten Studie unter der Leitung des niederösterreichischen Arztes Dr. Dietmar Kleinbichler wurde erstmals das Ausmaß der von Österreichs Hausärzten geleisteten Patientenversorgung dokumentiert, um dadurch die Evidenz in der Allgemeinmedizin zu erweitern und eine Datenbank für die Forschung verfügbar zu machen. Das Ergebnis lässt aufhorchen: 94,7 Prozent aller Patienten konnten vom Hausarzt selbst behandelt werden, lediglich 6,3 Prozent wurden überwiesen - die Legende vom Hausarzt als "Gatekeeper" entspricht also keineswegs der Realität. In zahlreichen Fällen und ganz besonders bei älteren Menschen wurden bei Hausarztbesuchen gleich mehrere Probleme behandelt. Damit werde nicht nur die Qualität allgemeinmedizinischer Arbeit unterstrichen, dies führe auch zu einer Kosteneinsparung für das Gesundheitssystem, so Kleinbichler. Im Schnitt behandelten die Hausärzte über 1.000 Patienten pro Jahr auch an Wochenenden - ein nachdrücklicher Hinweis auf die Versorgungskontinuität durch die niedergelassenen Allgemeinmediziner.

Interessante Ergebnisse liefert auch eine Studie des bekannten Sozialforschers Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher, der die Hausarzt-Versorgung im städtischen und ländlichen Bereich verglich. In beiden beobachteten Gruppen haben rund 84 Prozent einen Hausarzt, dem sie vertrauen. Und vor allem: "Zwischen Hausarztbetreuung, Gesundheit und Befindlichkeit gibt es klare Wirkungszusammenhänge", so Gehmacher. Die von Hausärzten Betreuten achten eher auf gesunde Ernährung, meiden Nikotin und Alkohol, machen mehr Bewegung und nehmen öfter an präventivmedizinischen Behandlungen teil. "Das Ideal einer Einsparung von einem Viertel der Krankheitskosten setzt aber nicht nur die Vollversorgung mit hausärztlicher Betreuung, sondern auch ein optimales Leistungsniveau voraus. Also mehr Hausärzte mit mehr Zeit für den Patienten, mehr einschlägige Bildung sowie nachhaltige Bewusstseinsbildung in Politik und Öffentlichkeit", kommentiert Gehmacher die Studie.

Zu Tode gespart

In dem von Bürokratie, politischen Machtspielen und ideologischem Brotneid geprägten Alltag spielt es all das freilich nicht. "So lange Kassen- und Politfunktionäre den Versorgungsengpass nicht spüren, werden sie ihren Kurs nicht ändern", meint Dr. Wolfgang Geppert, ehemaliger Vizepräsident des Hausärzteverbandes und bis vor kurzem als Landarzt tätig. Sein Ausweg, so sehr es ihn auch schmerzt: die Praxis schließen, kompromisslos, ohne "Nachglühen als Wahlarzt, Totenbeschauer oder Vertreter des Nachbarkollegen".

Unter der katastrophalen Situation leiden längst auch niedergelassene Fachärzte, wie der Fall des Eisenstädter Urologen Dr. Gerhard Hafner zeigt. Zwischen Leitlinien-Verpflichtungen, Kassenlimitierungen, Wirtschaftlichkeit und steigender Patienten-Begehrlichkeit sei es mittlerweile ein Hochseilakt, eine Kassenpraxis zu führen, so Hafner. Er fühle sich "für die Politik als lästiger Kostenfaktor, für manche Patienten als Medizin-Selbstbedienungsladen, der am besten 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht". "Der niedergelassene Bereich wird zu Tode gespart. Umsätze müssen durch steigende Patientenzahlen erwirtschaftet werden statt durch fürsorgliche Patientenbetreuung und moderne medizinische Leistungen", betont der Eisenstädter Urologe, der seinen §2-Kassenvertrag nach 11 Jahren nunmehr zurücklegte.

Wo bleibt die Vernunft?

Noch haben wir engagierte Ärzte und noch ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Ärzteschaft vorhanden", fasst Hausärzteverbands-Präsident Euler zusammen. Der Gesundheitsreform fehle aber die sachkundige Vernunft und die soziale Kompetenz. Ärztliche Leistungen würden geringgeschätzt und organisatorische Vorgaben überschätzt. "Einige wenige Aktionäre werden Gewinne schöpfen, die Mehrzahl der Menschen aber wird unwiederbringliche Werte verlieren", so Euler.

Diskussionsabend des Österreichischen Hausärzteverbandes "Hintergründe und Abgründe" Dienstag, 16. April, 19 Uhr RadioKulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien

Referenten:

Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher Lektor an der TU Wien, langjähriger Geschäftsführer des Marktforschungsinstitutes IFES, wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeld-Gesellschaft, Autor zahlreicher Publikationen

Dr. Dietmar Kleinbichler Arzt für Allgemeinmedizin in Markersdorf-Haindorf/NÖ.

Dr. Gerhard Hafner Facharzt für Urologie in Eisenstadt

Dr. Wolfgang Geppert ehem. Arzt für Allgemeinmedizin in Wilfersdorf/NÖ., ehem. Vizepräsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

Moderation: Dr. Christian Euler Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

Eine weitere Diskussionsveranstaltung des Österreichischen Hausärzteverbandes findet statt am 11. Juni.

apa.at

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