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APA-Artikel 14. März 2013

Ärztemangel in Wien: Krankenkasse agiert kurzsichtig und verantwortungslos

Die Wiener Ärztekammer warnt vor der massiven Gefahr eines Ärztemangels bei einem weiteren Abbau von Kassenplanstellen in Wien. "Die Gebietskrankenkasse versucht die Versorgungssituation schönzureden. Vergleiche der Ärztedichte in Wien mit Gesamtösterreich sind aber unsinnig und wenig zielführend, denn die Krankenkasse lässt besondere Versorgungsbedürfnisse einer Großstadt und das Bevölkerungswachstum völlig außer Acht", kritisierte Johannes Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien, die heutigen Aussagen der Krankenkasse zur medizinischen Versorgung in Wien. ****

 

Wie es mit dem kassenärztlichen Angebot in Wien tatsächlich aussieht, zeigen die objektiven Zahlen: In den Jahren 2000 bis 2011 hat sich in Wien die Zahl der Ärztinnen und Ärzte mit einem WGKK-Vertrag um 117 reduziert, während im selben Zeitraum die Bevölkerung von 1,55 Millionen auf 1,73 angewachsen ist. "Einem Bevölkerungs- und Bedarfs-Plus steht also ein Ärzte-Minus gegenüber", so Steinhart. "Dazu kommt noch, dass die Menschen immer älter werden und damit natürlich der medizinische Aufwand steigt."

 

Besondere Versorgungsbedürfnisse in Großstädten

 

Als Großstadt ist Wien weiters mit speziellen sozioökonomischen Faktoren konfrontiert, die mehrere Besonderheiten in gesundheitspolitischer Hinsicht ergeben: Der "Großstadtfaktor" ist dafür verantwortlich, dass viele Krankheiten, wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, HIV, Atemwegserkrankungen, Drogenmissbrauch oder Depressionen, häufiger vorkommen als in anderen Regionen Österreichs. "Eine höhere Ärztedichte als im Rest Österreichs ist daher unverzichtbar", betont Steinhart.

 

Statistiken belegen das eindrucksvoll: So befindet sich die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit bei den unter 75-Jährigen in Wien um 25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Krebssterblichkeit ist um 9 Prozent erhöht. Bei Lungenkrebs liegt in Wien der Wert bei den Männern um 18 Prozent und bei den Frauen sogar um 36 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt. "Wien muss sich mit Städten mit ähnlichen sozioökonomischen Voraussetzungen wie München oder Hamburg vergleichen", erklärt Steinhart.

 

Ärztedichte in Deutschland deutlich höher

 

Für deutsche Städte gibt es im Gegensatz zu Österreich seit 1. Jänner 2013 gesetzlich festgelegte Verhältniszahlen für die ärztliche Versorgung. Der Vergleich: In Wien kommen auf einen Hausarzt 2170 Patienten. Das deutsche Versorgungkonzept sieht hingegen pro Arzt lediglich 1671 Patienten vor. Ein Wiener Hausarzt ist also für in etwa 30 Prozent mehr Patienten zuständig als das deutsche Konzept für Ärztinnen und Ärzte in Großstädten vorsieht.

 

Besonders deutlich zeigt sich das Missverhältnis bei den Fachärzten für Hals-, Nasen und Ohrenkrankheiten. Fachärzte in diesem Bereich betreuen in Wien fast drei Viertel (73 Prozent!) mehr Patienten als das deutsche Versorgungskonzept für HNO-Ärztinnen und Ärzte vorsieht.

 

Weitere erschreckende Beispiele: Auf Wiener Kinderärzte kommen um 60 Prozent mehr Patienten und auf Augenärzte um 40 Prozent mehr als es laut dem deutschen Versorgungskonzept ideal ist.

 

Geringe Kapazitäten verursachen lange Wartezeiten

 

Dass eine der praktischen Konsequenzen des WGKK-Sparkurses für Patienten bereits spürbar ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Makam-Research Instituts (1000 Befragte): Die knappen Kapazitäten bei den Kassenplanstellen führen zu zum Teil sehr langen Wartezeiten. So muss man bei Wiener Augenärzten durchschnittlich 14 bis 29 Tage auf einen Kontrolltermin warten (in den Bezirken diesseits der Donau sogar 28 bis 42 Tage), bei Neurologen 21 bis 27 Tage und bei Frauenärzten 14 bis 20 Tage. Bei Chirurgen beträgt die Wartezeit sogar bei akuten Beschwerden sieben Tage.

 

"Bevor sich diese Situation weiter verschärft und sich ein regelrechter Versorgungsnotstand abzeichnet, sind dringend zusätzliche Investitionen in die Gesundheit der Wiener und strukturelle Verbesserungen im niedergelassenen Bereich erforderlich", so Steinhart. Das Modell der Wiener Ärztekammer sieht vor, dass innerhalb von einem Jahr zusätzlich 300 Kassenverträge nach einer genauen Bedarfsevaluierung nach Fächern und Wohnbezirken neu geschaffen werden.

 

"Und auch die Zahl der Gruppenpraxen muss deutlich erhöht werden, denn nur so können Wochenenden und Randzeiten abgedeckt werden, wie es die WGKK fordert. Einem einzelnen Hausarzt ist es aber nicht zumutbar, während der Woche den ganzen Tag, teilweise in den Abendstunden und am Wochenende für die Patienten da zu sein", so Steinhart. "Mit der derzeitigen Honorar- und Leistungsvergütung wird das aber unmöglich. Es müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ordinationen und Gruppenpraxen sind 'gesamte Betriebe', folglich brauchen Ärzte auch Mitarbeiter, die sie an Wochenenden entsprechend entlohnen müssen."

 

"Ungefähr 90 Gruppenpraxen sind derzeit beantragt, werden aber aus Sparerwägungen in verantwortungsloser Weise nicht von der Wiener Gebietskrankenkasse freigegeben", so Steinhart, der an die Krankenkasse appelliert, diese notwendigen 300 neuen Stellen und 90 Gruppenpraxen "dringendst einzurichten". 

apa.at

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