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APA-Artikel 7. März 2013

Arzt zwischen Nächstenliebe und gesetzlicher Grauzone

Der Ulmer Augenarzt Hans-Walter Roth hat ein Herz für Arme. Geschichten über Menschen, die Hilfe brauchen, kennt er viele. Er selbst behandelt seit Jahren bedürftige Menschen für wenig Geld oder kostenlos, in einer Art Armenklinik. "Ich habe schon immer geholfen", sagt der 68-Jährige. "Ich komme aus einfachen Verhältnissen, aus einer Pfarrersfamilie", erzählt Roth. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Hunden in einem Vorort der Donaustadt.

Kürzlich half er einer Frau, die zum Sozialfall wurde, nachdem ihre Firma pleiteging. Sie bekam Brustkrebs. "Weil sie die Beiträge nicht mehr zahlen konnte, wollte die private Krankenversicherung nicht für die Krebsbehandlung aufkommen", erklärt Roth, der seine "Armenklinik" über ein Ärzte-Netzwerk führt. "Ein befreundeter Gynäkologe hätte sich bereiterklärt, die Operation zu übernehmen." Schließlich zahlte die Kasse doch die rund 30 000 Euro. Roth hatte Druck gemacht, indem er den Fall samt Namen der Versicherung veröffentlichte, erzählt er schmunzelnd.

Bis 2008 hatte Roth noch eine eigene Praxis; die musste er aufgeben. "Aus Altersgründen, die Kasse hat mir das Budget massiv gekürzt", schimpft Roth. Er arbeitet jetzt in einer Kollegenpraxis tageweise mit. 2009 beschloss er, die Ulmer Armenklinik aus dem Mittelalter fortzusetzen. "Sie wurde von dem Patrizier Johannes Roth gegründet, mit dem ich aber nicht verwandt bin", sagt Roth.

Seine Armenklinik ist kein Gebäude, sondern eine Absprache unter etwa 30 Kollegen aus allen Fachrichtungen. "Das funktioniert dann so", erklärt Roth, "ich habe einen Fall übers Sozialamt und frage einen Kollegen: Könntest du das übernehmen?" Die mittellosen Patienten würden in den jeweiligen Praxen kostenlos ohne Papierkram zwischendurch einfach mitbehandelt. "Das klappt hervorragend. Mich hat noch nie einer sitzen lassen", freut sich der Augenarzt.

Patienten kostenlos behandelt hat er aber auch schon vor der Armenklinik. Es gebe genug Menschen, deren Krankenversicherung die Behandlung nicht bezahle oder die überhaupt nicht versichert seien. "Die Kasse übernimmt zum Beispiel nicht alle Kosten für Brillen", erklärt Roth. Pro Monat meldeten sich rund 100 Bedürftige bei ihm.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg in Stuttgart sieht sein Engagement aber nicht gern, meint Roth. "Eine kostenfreie Behandlung ist nach der Berufsordnung für Ärzte nicht möglich", sagt der Leiter der Pressestelle der Kammer, Oliver Erens. Zu Roth direkt will er nichts sagen, der Vorgang gegen ihn sei noch nicht abgeschlossen. Roth sagt: "Die Ärztekammer hat mir mit einem Verfahren gedroht."

"Natürlich darf ein Arzt kostenlos behandeln - schon wegen des hippokratischen Eids", heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg in Stuttgart. Pressereferentin Renate Matenaer zitiert aus derselben Berufsordnung: "Ärzte können Verwandten, Kollegen und mittellosen Patienten das Honorar ganz oder teilweise erlassen." "Ich arbeite in einer gesetzlichen Grauzone", fasst der Ulmer Augenarzt zusammen.

Dass Menschen kostenlos verarztet werden, gibt es auch in anderen Städten. In Stuttgart hilft zum Beispiel die Malteser Migranten Medizin, eine bundesweite Vereinigung. Dort finden Patienten ohne Aufenthaltsgenehmigung oder ohne Krankenschein Hilfe. Bundesweit gibt es etwa die Initiative "Medinetz" von Medizinstudenten für Obdachlose und Flüchtlinge. Sie werden beraten und an Ärzte weitervermittelt.

Derzeit beschäftigt Roth ein Fall, bei dem die Krankenkasse einer Frau die Chemotherapie nicht bezahlen will. Sie könne wegen Herzproblemen nicht operiert werden und die Kasse würde sagen, ohne OP keine Chemo, sagt der 68-Jährige. Roth will wieder Druck machen.

apa.at

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