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APA-Artikel 21. Februar 2013

Drogensubstitution - Arzt Haltmayer: "Dämonisierung von Substanzen"

Vor einigen Tagen stand in der Öffentlichkeit - gestartet von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (V) - wieder einmal die Substitutionstherapie für Opiatabhängige in Österreich in Diskussion. Darauf spezialisierte Ärzte sprechen hier eher von einer Erfolgsstory. Rund 50 Prozent der dafür infrage kommenden Patienten erhalten in Österreich bereits diese Behandlung, in Wien gar 75 Prozent. Die APA sprach darüber mit dem Wiener Arzt Hans Haltmayer, Referent für Substitution und Drogentherapie in der Wiener Ärztekammer. Sein Credo: Die Angebote zur Substitutionstherapie sollten ausgebaut, einzelne Substanzen nicht "verteufelt" werden.

APA: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Substitutionstherapie als Behandlung von Opiatabhängigkeit mit der Verschreibung entsprechender Medikamente mit solchen Wirkstoffen immer wieder in Diskussion gerät?

Hans Haltmayer: Ich habe wirklich den Eindruck, dass es um die Dämonisierung einer Substanz geht. Das ist traditionell bei Heroin der Fall und kann auch auf andere Substanzen übergreifen. Zum Beispiel auf Morphin in Retardform (mit lang anhaltender Wirkung, Anm.), das ja dem Heroin chemisch und in seinem Wirkspektrum ähnlich ist.

APA: Aber retardiertes Morphin (z.B. Substitol) ist ja in der Substitutionstherapie ein Arzneimittel. Warum kommt es hier zu einer "Dämonisierung"?

Haltmayer: Wenn man wirklich akzeptiert, dass Sucht eine Krankheit ist, dann wird man es begrüßen, wenn der Patient seine Medikamente "gern" einnimmt und damit zufrieden ist. Wenn aber im Hintergrund die Haltung steht, dass Sucht keine Krankheit ist, dann mutiert das Arzneimittel zur "Droge", die dem behandelten Süchtigen einen "Kick" vermittelt, und ihn so zufriedenstellt - und das möchte man nicht.

APA: Geben die in der Substitutionstherapie von Opiatabhängigen verwendeten Arzneimittel dem Süchtigen einen "Kick"?

Haltmayer: Bei regelmäßiger Einnahme gar nicht! Nimmt man diese Arzneimittel täglich ein, bildet sich ein "Steady State", ein gleichbleibender Blutspiegel, und es gibt keinen "Kick", sondern im Gegenteil, der Opiathunger wird unterdrückt und Entzugserscheinungen verhindert. Das ist übrigens so wie bei Drogenabhängigen mit regelmäßigem Substanzkonsum. Auch bei ihnen (mit Heroin, Anm.) stellt sich dieser Zustand ein und sie sind nur mehr deshalb ständig auf der Suche nach illegalen Drogen, um den Entzugserscheinungen zu entkommen.

APA: Die meisten "Drogentoten" sterben in Österreich nicht nach Opiatkonsum allein, sondern nach Mischkonsum von Opiaten, Beruhigungs- und Schlafmitteln sowie von Alkohol. Sind da nicht diese Beruhigungs- und Schlafmittel die größere Gefahr?

Haltmayer: Dem ist voll zuzustimmen. Die Kombination von verschiedenen psychotropen Substanzen steht zumeist im Hintergrund von Todesfällen. Die unkontrollierte Einnahme von verschiedenen psychotropen Substanzen kann für die Betroffenen gefährlich werden. Deshalb haben wir ja seit Dezember vergangenen Jahres eine neue "Psychotropen-Verordnung", welche die Verschreibung von bestimmten Schlaf- und Beruhigungsmitteln für Opiatabhängige regelt.

APA: Was sollte in der Zukunft geschehen?

Haltmayer: Der Zugang zur Substitutionstherapie sollte noch verbreitert werden. Wir haben in Wien schon einen Deckungsgrad von rund 75 Prozent. Es sind schon sehr viele Ärzte beteiligt, aber wir haben noch immer zu wenige. Das sind keine einfachen Patienten. Das ist keine einfache Behandlung. Es auch keine prestigeträchtige Behandlungsform. Wir haben es schwer, junge Kollegen zu finden, die sich beteiligen. Und wenn dann pauschal "die Ärzte" angegriffen werden, ist das der Sache nicht dienlich.

APA: Die Drogen-Substitutionstherapie ist sehr eng durch Gesetz und Verordnungen geregelt. Da können doch Ärzte kaum fehlgehen.

Haltmayer: Die Substitutionsbehandlung ist genau geregelt. Es ist aber ein sehr kompliziertes und komplexes Regelwerk. Aber man kann in diesem System arbeiten und als Arzt auch gute Erfolge mit der Therapie erzielen und schöne Erfahrungen mit Patienten haben. Wir sind übrigens in der Wiener Ärztekammer derzeit dabei, weitere Schritte zu setzen, um Problemen vorzubeugen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Wagner/APA)

apa.at

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