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APA-Artikel 4. Februar 2013

Angekündigter Leistungsausbau für Psychotherapie große Hoffnung für PatientInnen

Die aktuellen Zahlen sprechen für sich: 900.000 Personen nehmen das österreichische Gesundheitswesen wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch, 840.000 davon nehmen Psychopharmaka, aber nur 65.000 erhalten psychotherapeutische Hilfe, davon nur die Hälfte kassenfinanziert. Laut Ankündigung des Vorstandsvorsitzenden des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger Hans Jörg Schelling soll sich das nun ändern. Die Kluft zwischen Angebot und Bedarf ist enorm: Laut ÖBIG liegt die Untergrenze des Bedarfs bei 2,1 % der Gesamtbevölkerung, demnach erhalten in Österreich mindestens 130.000 Personen nicht die für sie notwendige Psychotherapie. Dabei zeigt der Vergleich mit den gut versorgten Ländern Deutschland und Schweiz, dass Psychotherapie nachgewiesen sehr positive Effekte hat: weniger Psychopharmaka-Konsum und Rückgang von Krankenständen, Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, Frühpensionen.

Behandlung von psychischen Leiden ohne Psychotherapie entspricht nicht dem wissenschaftlichen Standard

Wissenschaftlich fundierte Behandlungsleitlinien empfehlen Psychotherapie bei akuten und leichten depressiven Störungen, bei mittelgradigen, schweren und chronischen depressiven Störungen eine Kombinationsbehandlung aus Psychotherapie und Pharmakotherapie. Das gilt im Wesentlichen auch für andere psychische Störungen. Von diesem Behandlungsstandard sind wir in Österreich noch weit entfernt. Besonders bei leichten psychischen Störungen kommen viel zu häufig Psychopharmaka zum Einsatz.

Psychotherapie ist nur drin, wo auch "Psychotherapie" draufsteht

Psychotherapie unterscheidet sich von psychiatrischer oder auch psychologischer Behandlung durch die Schwerpunktsetzung auf die langfristige und dauerhafte Bewältigung und Integration von Lebensproblemen bzw. die Be- und Verarbeitung von seelischen Verletzungen nach einer bestimmten Methode. Das erfordert in der Regel eine genaue psychotherapeutische Diagnose und einen längerfristigen, kontinuierlichen und strukturierten psychotherapeutischen Behandlungsprozess, der - soll er wirksam sein - nicht durch einfachere, billigere und schnellere Behandlungsmethoden ersetzt werden kann.

Vom "Sozialmodell" zur Vollversorgung

Laut Allgemeinem Sozialversicherungsgesetz steht jedem Versicherten kassenfinanzierte Psychotherapie in gleicher Weise zu, denn alle Sozialversicherten zahlen seit 20 Jahren zusätzliche Versicherungsbeiträge für psychotherapeutische Behandlung. Jedoch seit 1992 umgehen die Kassen ihre bestehende Versorgungsverpflichtung. Die kassenfinanzierte Psychotherapie wurde für sozial Bedürftige rationiert, alle anderen Versicherten werden trotz gesetzlicher Versicherungsleistung privat zur Kasse gebeten. Es ist nun höchste Zeit, das System in einen einheitlichen Gesamtvertrag für Psychotherapie umzuwandeln und allen Versicherten ihr verbrieftes Recht auf Behandlung zukommen zu lassen.

Ausbau erfordert zusätzlich mindestens 50 Mio. Euro pro Jahr

Mit weiteren 50 Mio. Euro lässt sich etwa 1 Prozent der Bevölkerung im Rahmen eines Gesamtvertrages psychotherapeutisch versorgen. Bleibt zu hoffen, dass den Worten des Hautverbands-Vorsitzenden Taten folgen und die PatientInnen immer öfter ihr Behandlungsrecht in Anspruch nehmen können.

www.psychotherapie.at

apa.at

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