zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 20. Dezember 2012

Ärzte sollen aufs Land gelockt werden

3000 neue Hausärzte soll es künftig in Deutschland geben - vor allem in ländlichen Regionen in Ost und West mit Medizinermangel soll der ärztliche Nachwuchs den Schritt zur eigenen Praxis wagen. Nach monatelangen Beratungen legte das höchste Gremium im Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, am Donnerstag eine entsprechende Neuplanung des Ärztenetzes vor. Sind mit dem Beschluss, der hinter den unscheinbaren Mauern des Gremiums im Berliner Tiergarten fiel, die Probleme des Ärztemangels schon behoben, bevor sie überhaupt schlimme Ausmaße annehmen?

Zunächst einmal hört sich die Zahl imposant an. Doch angesichts von rund 60 000 Hausärzten, die es heute gibt, erscheint sie schon nicht mehr so hoch. Vor allem aber: Schon bislang könnten sich rund 2000 Hausärzte niederlassen, wenn sich für die freien Plätze willige Mediziner finden würden.

Was ist neu? Zunächst einmal ist alles nur Papier. Die heutigen Planungsregionen für Arztsitze - die 372 Kreise und kreisfreien Städte - gelten als zu groß. Ein Kreis kann offiziell genug Ärzte haben, auch wenn diese nur in der Kreisstadt sitzen und 30 Kilometer entfernt auf dem Land kein Mediziner für die Menschen da ist. Also werden die Planungsgebiete verkleinert - gut 900 neue Niederlassungsmöglichkeiten kommen nun hinzu.

Doch warum sollten Hausärzte plötzlich aufs Land gehen etwa in Sachsen-Anhalt, im Bayerischen Wald oder in norddeutschen Mangelregionen - nur weil sie dies verstärkt dürfen? Wenn sie doch vielleicht lieber in einer attraktiven größeren Stadt arbeiten wollen?

Zehntausende Ärzte sind vor dem Ruhestand. Der Bedarf an Nachwuchs wächst. Die obersten Gesundheitsplaner sind optimistisch. G-BA-Chef Josef Hecken führt Neuerungen an, die bereits Gesetz sind - so die Abschaffung von Regressen bei übermäßiger Medikamentenverordnung in den fraglichen Regionen. Oder die Aufhebung der Residenzpflicht: Ärzte dürften seit Neustem auch in einer Stadt wohnen und zur Arbeit in ihre Praxis aufs Land pendeln.

"Wenn wir nicht wollen, dass Menschen in ländlichen Bereichen mit zunehmender demografischer Entwicklung unterversorgt sind, dann muss der Arzt zum Patienten gebracht werden und nicht umgekehrt", sagt Hecken.

Auch 1355 Psychotherapeuten und Hunderte Fachärzte finden - von Region zu Region unterschiedlich - Niederlassungsmöglichkeiten. Die Psychotherapeuten werfen dem G-BA allerdings vor, mit veralteten Zahlen zu operieren. Unterm Strich gebe es am Ende sogar weniger Therapeuten, bemängelt ihre Kammer.

Um den Hintergedanken der Planung zu verstehen, darf man aber nicht nur eine Arztgruppe ansehen. Denn aus den modellhaften Praxenmöglichkeiten auf dem Papier werden nur echte Praxen, wenn die jungen Ärzte nicht andernorts ausweichen.

Bereits im September hatte der Bundesausschuss dafür Weichen gestellt. Damals verhängte er einen Zulassungsstopp für bestimmte Arztgruppen - unter anderem Jugendpsychiater, Nuklearmediziner, Strahlentherapeuten, Neurochirurgen, Humangenetiker, Laborärzte und Pathologen. "Bisher ist das für viele solcher Ärzte sehr lukrativ, ohne dass ein ständiger direkter Patientenkontakt besteht", sagte Hecken damals. Dort sind die Schotten nun dicht - für die Allgemeinmedizin auf dem Land hingegen weiter geöffnet. Längerfristig sollen nun Medizinstudenten umdenken, um hier eine sichere Perspektive für sich zu entdecken.

Verbraucherschützer glauben nicht an die schönen Worte. "Zentrale Probleme wie erhebliche Unterschiede zwischen reichen und armen Stadtteilen oder lange Wartezeiten auf Termine für Augenuntersuchungen und Psychotherapie bleiben weitgehend unverändert", sagt Ilona Köster-Steinebach vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Und die AOK mahnt, im Gegenzug auch etwas gegen das Übermaß an Ärzten in manchen Städten zu tun. Die Überversorgung in Ballungszentren müsse abgebaut werden, sagt Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbandes.

Denn insgesamt ist die Zahl der ambulanten Ärzte und Therapeuten ständig gestiegen: von 140 000 im Jahr 2000 auf 155 000 zehn Jahre später.

Von Basil Wegener, dpa

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben