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APA-Artikel 3. Dezember 2012

Zerrissen zwischen Kulturen - Spezielle Klinik für Migranten

"Wäre ich in meinem Dorf geblieben, hätte ich nie Depressionen bekommen." Davon ist Ayse überzeugt. 1992 kam sie nach Hannover, ihre Eltern hatten die Ehe mit einem Deutschtürken arrangiert. "Das Heimweh ist immer da", sagt die 40-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Ihr Leben, ein einziger Kampf: Sprachprobleme, nicht erfüllbare Ansprüche der Familie ihres Mannes, nach der Scheidung die Einsamkeit der Alleinerziehenden.

Studien zufolge sind Migranten fast doppelt so häufig psychisch krank wie die Durchschnittsbevölkerung. Wer schlecht Deutsch spricht, wird oft nicht angemessen behandelt. "Wir brauchen Dolmetscher und Integrationsbeauftragte in den Kliniken, um die Barrieren zu senken", sagt Prof. Wolfgang Maier von der Uniklinik Bonn. Doch die Forderung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde werde in Berlin ignoriert.

Eine bessere Behandlung kranker Migranten sei nicht nur aus humanitären, sondern auch aus ökonomischen Gründen notwendig, betont Maier. "Vielfach werden unzureichend behandelte psychische Krankheiten chronisch und führen dann oft zur Erwerbsunfähigkeit." Bisher gebe es nur wenige Kliniken, die zum Beispiel Psychotherapie in der Muttersprache anbieten.

Das private Klinikum Wahrendorff ist mit seiner Tagesklinik Linden ein Vorreiter. Vor zwei Jahren wurde das Transkulturelle Zentrum in Hannover eröffnet, mittlerweile gibt es 40 Plätze vor allem für türkische und russische Patienten im Alter von Anfang 20 bis 65 Jahren. Auch Deutsche werden hier behandelt. Die Therapeuten und Ärzte haben türkische oder russische Wurzeln.

"Über Probleme kann ich in meiner Muttersprache einfach besser reden", sagt die Ärztin Özge Pekdogan, selbst Migrantin. Als sie fünf Jahre alt war, kehrten ihre Eltern in die Türkei zurück, seit drei Jahren wohnt die Medizinerin wieder in Deutschland. Nach ihrem Eindruck müsste es weit mehr transkulturelle Angebote geben. In Deutschland leben etwa 15,7 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln, das ist jeder fünfte Einwohner.

"Bei den türkischen Migranten der ersten Generation sind die Frauen definitiv stärker belastet", beobachtet Psychologin Semra Sgarra. Sie leiden unter Folgeproblemen von arrangierten Ehen. Flüchtlingen macht der Verlust von Besitz, Beruf und Ansehen zu schaffen, viele sind durch politische Verfolgung traumatisiert. Eine Belastung gerade für Jüngere ist der Spagat zwischen zwei Kulturen. "Da geht es um die Frage: Wer bin ich eigentlich?", sagt Sgarra.

In der Ergotherapie ist die einzige Frau mit Kopftuch die Therapeutin. Sie leitet die Patienten beim Korbflechten, Malen und Weihnachtsschmuck-Basteln an. Donnerstags wird nachmittags gemeinsam gebacken. "Es ist wie eine große Familie hier", sagt eine 54-jährige gebürtige Türkin, die nach dem Tod ihres Mannes depressiv wurde. Mit ihrer Herkunft habe die Krankheit nichts zu tun, meint sie.

Mitpatientin Ayse dagegen sieht einen engen Zusammenhang: Trotz ihres deutschen Passes werde sie in Deutschland als Ausländerin abgestempelt, wegen ihres Aussehens und ihrer Sprachprobleme. "Und im Urlaub in meinem Dorf in der Türkei bin ich dann auch nur die Ausländerin."

apa.at

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