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APA-Artikel 13. November 2012

Landmedizin in akuter Gefahr - Politik hat jahrelang alle Warnungen ignoriert

Mittlerweile ist deutlich zu spüren, wovor die NÖ Ärztekammer seit Jahren warnt: Kassenstellen für Allgemeinmedizin sind nicht mehr flächendeckend besetzbar. "Derzeit ganz akut im Bezirk Mistelbach: Sowohl in Wilfersdorf als auch in Ulrichskirchen sucht man Praxisnachfolger, doch für die bisherigen Ausschreibungen hat sich nicht einmal ein einziger Bewerber interessiert. Die wohnortnahe Versorgung mit Medizin kippt", so Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer. "Auch aus anderen Bundesländern sind ähnliche Tendenzen bekannt, sogar in der Landeshauptstadt Salzburg."

Der Hauptgrund dafür liegt aus seiner Sicht in den Arbeitsbedingungen für Kassenallgemeinmediziner, die mittlerweile unzumutbar sind. "Es bleibt immer weniger Zeit für immer mehr Patientinnen und Patienten. Die durch die Politiker zu verantwortenden Arbeitsbedingungen sorgen beispielsweise dafür, dass die Ärzte und Mitarbeiter in den Ordinationen mit Bürokratieerfordernissen "zugemüllt" werden. Unsere Vorwarnungen wurden bislang und werden weiterhin von der Politik verharmlost und beharrlich ignoriert", so Präsident Dr. Reisner.

Die Zahlen sind bekannt, Warnungen durch Ärztekammer gab es zuhauf

Der niederösterreichische Ärztekammerpräsident hat sogar die Vermutung, dass diese Entwicklung bewusst von der Politik herbeigeführt wird: "Die Zahlen sind bekannt, Warnungen von uns gab es zuhauf. Möglicherweise sind das jedoch die ersten Schritte zur "Reformierung" des Systems: Wo es keine Ärzte mehr gibt, da fallen natürlich auch keine Kosten an", zeigt sich Reisner verärgert. Er ersucht auch Gemeinde- und Regionalpolitiker, sich bei solchen Problemen in ihren Regionen nicht an die Ärztekammer zu wenden, sondern an ihre Kolleginnen und Kollegen Politikerinnen und Politiker auf Landes- und Bundesebene, die als Einzige für diese Entwicklung verantwortlich sind.

Und die Prognose für die Zukunft ist düster: "In den kommenden zehn Jahren geht die Hälfte der derzeitigen Hausärztinnen und Hausärzte in Pension. Dazu kommen solche Bürokratiemonster wie die geplante ELGA, die das ärztliche Arbeiten noch weiter behindern werden", so Präsident Dr. Reisner weiter. "Unsere Argumente werden auch hier wie üblich nicht gehört, willfährige Journalisten mit ebenso wenig Fachkompetenz wie Politiker helfen fleißig mit, solche Mogelpackungen wie etwa auch die Gesundheitsreform dem Bürger zu verkaufen."

Medizinische Kompetenz von unglaublichem Wert wird nicht genutzt

Zum Thema Optimierung der hausärztlichen Versorgung liegt schon lange das so genannte "Hausarzt-Modell" vor, welches den Einstieg der Patientinnen und Patienten ins Gesundheitssystem über einen von den Patienten frei auszuwählenden Haus- bzw. Vertrauensarzt vorsieht. Präsident Dr. Reisner: "Alle relevanten medizinischen Informationen könnten dort zusammenlaufen. Parallel könnte eine Bürokratieentschlackung erfolgen, ohne Datenmonster wie ELGA. Man müsste den Hausärzten wieder mehr medizinische Tätigkeit ermöglichen, damit würde man sich viele unnötige, sehr teure Ambulanzbesuche ersparen."

In der Aufwertung der hausärztlichen Tätigkeit liegt aus seiner Sicht der Schlüssel zur Besetzbarkeit von Landpraxen: "Wen wundert's beim derzeitigen Tätigkeitsprofil der Hausärzte? Sie und ihre AssistentInnen arbeiten zu 80 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit in Ordinationen als Krankschreiber, Verwalter, Bewilligungshelfer, Bürokraten, Archivverwalter und Schreibkräfte. Medizinische Kompetenz, für die man Jahrzehnte gelernt und studiert hat und in die der Staat viele Millionen Euro investiert hat, liegt brach. Viele europäische Länder haben das bereits begriffen und strukturieren um. Wir sollten diese Ressourcen auch wieder nutzen, dann können wir auch die Ordinationen wieder besetzen", so das Resümee Reisners.

apa.at

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