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APA-Artikel 29. Oktober 2012

"Die viel strapazierte Eigenverantwortung hat bei der Pflege von Angehörigen ihre Grenzen"

Mehr als 100.000 Menschen leiden in Österreich allein an einer Demenzerkrankung, in vierzig Jahren sind es dreimal so viele. Die Zahl basiert auf Hochrechnungen, exakte Erhebungen liegen nicht vor. Sicher ist, dass die Zahl in den nächsten Jahren explodieren wird, weil mit der steigenden Lebenserwartung auch das Demenzrisiko zunimmt. Derzeit wird die Mehrheit zu Hause gepflegt - meist von Töchtern oder Ehepartnern.

Das rettet das Gesundheitssystem (noch) vor dem Kollaps - zermürbt aber viele der Pflegenden. Für den Staat mag es unabhängig davon, um welche Alterskrankheit es sich handelt, die billigste Variante sein, wenn sich Angehörige um Betroffene kümmern. Für diese ist es allerdings eine riskante, gesundheitsschädigende Arbeit. Die wenigsten von ihnen wissen zu Beginn der Krankheit, welche Aufgabe da auf sie zukommt, wie groß die Last ist.

Mehrere Studien belegen, dass pflegende Angehörige ein erhöhtes Erkrankungsrisiko aufweisen und ihre Lebenserwartung um bis zu eineinhalb Jahre sinkt. Wenn nun die Caritas Tirol verlangt, dass das Land Tirol die gestrichene Familienhilfe zur Entlastung pflegender, oftmals überforderter Angehöriger wieder flächendeckend einführen soll, dann darf das nicht nur ein lauter Wunsch von Sozialarbeitern sein. Nein, die Privatisierung des Unglücks ist auf Dauer auch für das Land eine riskante, finanziell fragwürdige Fahrt in soziales Leid, Folgekosten und einen Pflegekollaps. Das darf nicht sein, zumindest dann nicht, wenn wir uns vom Sozialstaat nicht gänzlich verabschieden wollen.

Vielleicht hilft es in diesem Zusammenhang, Politiker daran zu erinnern: Zum Pflegefall wird man nicht, weil man sturköpfig ablehnt, mit 95 Jahren friedlich mit seinem Lieblingsbuch in der Hand einzuschlafen.

apa.at

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