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APA-Artikel 24. Oktober 2012

Dunkle Tage an der Berliner Charité

Prügelattacke im Arztzimmer, gefährliche Darmkeime auf Frühchen-Stationen und Wirbel um eine Babyleiche, die obduziert werden soll. Dunkle Tage an Deutschlands größter Uniklinik, der Berliner Charité. Seit letzter Woche jagt eine Schlagzeile die nächste - und diesmal nicht wegen medizinischer Toperfolge, die das Klinikum und seine weltweit renommierten Forschungsinstitute so oft einheimsen. Krisenmanagement ist jetzt angesagt. Aber die Informationen für die Öffentlichkeit fließen spärlich und oft reichlich spät.

Am Dienstagnachmittag wird deutlich, dass Kliniken eben kein Hochsicherheitstrakt sind: Zwei Männer betreten das Büro eines Chefarztes in der Gynäkologie des zur Charité gehörenden Virchow-Klinikums und prügeln ihn nieder - angeblich, weil er eine Frau fehlerhaft behandelt haben soll. Stockschläge und Tritte bekommt der 44-Jährige ab. Mit Rippenbruch, Prellungen und Schürfwunden muss er stationär behandelt werden. Als ein Kollege helfen will, wird auch er attackiert. Anschließend flüchten die Täter. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf und spricht von einem "ungewöhnlichen Fall".

Bis Mittwochmittag dauert es, bis die Charité Stellung nimmt und dem Kollegen gute Besserung wünscht: "Wir sind über diesen ungeheuerlichen Vorfall sehr erschüttert." Mit den Serratia-Darmkeimen auf Frühgeborenen-Stationen habe dieser Übergriff jedoch nichts zu tun, betont die Klinik. Dies ist die zweite große Charité-Baustelle dieser Tage: Mindestens 16 Kinder haben den Keim in sich, sind aber symptomfrei. Insgesamt sieben weitere Babys seien erkrankt, hatte es geheißen. Neue Informationen gab die Charité dazu am Mittwoch nicht.

Ein herzkrankes Baby war am 5. Oktober im benachbarten Deutschen Herzzentrum gestorben. Nach einer erfolgreichen Operation war bei ihm eine Darmkeim-Infektion aufgeflammt, die es sich vermutlich auf einer Frühgeborenen-Station zugezogen hatte.

Dies sollte durch eine Obduktion geklärt werden - allein: Die Staatsanwaltschaft wusste am Mittwoch weder, wo sich der Leichnam befand, noch kannte die Behörde seine Identität. Nach Informationen der "Berliner Zeitung" soll das Kind bereits bestattet sein. Kommunikationsloch zwischen den Institutionen und Behörden oder größere Panne?

Erst am Dienstag hatte der ärztliche Direktor des Klinikums, Ulrich Frei, eingeräumt, dass es möglicherweise einzelne Versäumnisse in Hygienefragen gegeben haben könnte. Auch dass es bereits im Juli zwei erste Serratien-Infektionen gab, wurde jetzt erst bekannt. "Die Kommunikation war nicht optimal", sagte Frei dann auch im Interview mit der "Berliner Morgenpost". Jetzt bemüht sich ein eigens zusammengerufenes Expertenteam aus Mitarbeitern der Charité, des Robert Koch-Instituts und des Landesamtes für Gesundheit, Licht auf die Ursachen der Infektionskette zu werfen.

Bis es soweit ist, wird in einer der größten Universitätskliniken Europas keine Ruhe einkehren. Zwar hat die Charité international bestes Ansehen, aber Probleme vor Ort ist man durchaus gewohnt. Der riesige Klinik-Komplex, der nach der Wende an drei verschiedenen Standorten aus den Unikliniken West- und Ost-Berlin zusammengegossen wurde, ächzt unter einem Millionen hohen Schuldenberg und muss sparen.

Zwar schrieb die Charité 2011 erstmals schwarze Zahlen. Aber gespart wurde dafür auch durch Outsourcing - etwa bei der Innenreinigung der Gebäude. Wochenlang hatten die Beschäftigten der Putz-Tochterfirma vor Jahresfrist wegen schlechter Arbeitsbedingungen und für höhere Löhne gestreikt. Kritiker hatten bemängelt, hohe Hygiene-Standards könnten mit Zeitarbeitern nicht immer gehalten werden.

apa.at

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