zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 22. Oktober 2012

"Zwei Kilo Bakterien im Darm" - Kampf gegen Keime im Krankenhaus

Ein totes Neugeborenes am Wochenende in Berlin, drei tote Frühchen im vergangenen Jahr in Bremen - jedes Mal waren Keime die Ursache, mit denen sich die Kinder erst im Krankenhaus infiziert haben. Aber nicht nur Babys sind gefährdet. Auch alte Menschen, frisch Operierte oder schwer kranke Patienten laufen Gefahr, sich in einer Klinik mit Erregern zu infizieren. "Generell gilt: Je kränker, desto gefährdeter", erklärt Prof. Frauke Mattner, Sprecherin der Ständigen Arbeitsgemeinschaft Krankenhaushygiene in der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie.

Rund 500 000 Menschen bekommen nach Schätzungen des Robert Koch- Instituts jährlich eine Infektion im Krankenhaus. Wie viele daran sterben, schätzen Fachleute unterschiedlich ein: Die Angaben schwanken zwischen 15 000 bis 40 000 Todesfällen im Jahr. "Das sind mehr Menschen als im Straßenverkehr sterben", rechnet der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Prof. Walter Popp, vor.

Hauptproblem: Gegen manche dieser "Krankenhauskeime" gibt es keine Therapie, die Erreger sind immun gegen alle verfügbaren Antibiotika. Solche Keime - ESBL-bildende Bakterien der Gattung Klebsiella - führten 2011 bei den Frühchen in Bremen zum Tod. "In den nächsten Jahren sind keine neuen Antibiotika zu erwarten", warnt Popp. "Bis dahin sind wir zurückgeworfen auf die Hygiene."

Das Thema ist der Dreh- und Angelpunkt im Kampf gegen Keime im Krankenhaus. Erst im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung das Infektionsschutzgesetz verschärft. "Das Gesetz schafft die Voraussetzungen, um die Hygienequalität in Krankenhäusern und bei medizinischen Behandlungen zu verbessern", heißt es dazu im Bundesgesundheitsministerium. Alle Länder mussten bis März 2012 entsprechende Verordnungen erlassen.

Ob das etwas nützt, bleibt abzuwarten. Denn Hygiene-Standards stehen nur auf dem Papier, so lange nicht zwei andere Punkte erfüllt sind: Es gibt genug Personal, und die Mitarbeiter sind gut genug ausgebildet. "Die Hygiene hat gelitten durch Stellenabbau und Outsourcing", sagt der Essener Hygieniker Popp, und zwar auf allen Ebenen: Im Medizin-Studium werde das Thema kaum behandelt, Pflegefachkräfte mit Zusatzausbildung würden entlassen und durch Hilfskräfte ersetzt. Statt klinikeigener Reinigungskräfte putzten oft wechselnde Billigkräfte.

Erst im Mai hatte das Europaparlament einen alarmierenden Bericht veröffentlicht: Deutschland war beim Euro Health Consumer Index (EHCI) von Rang 6 auf Rang 14 abgerutscht. Die Bundesrepublik liegt im Ranking von 34 Gesundheitssystemen nur noch auf dem Niveau von Tschechien. Besonders beunruhigt hat Experten die schlechte Bewertung Deutschlands bei Klinikinfektionen.

Dafür kann es zwei Gründe geben: Die Hygiene ist schlechter geworden oder die Keimbelastung höher. Letzteres stimmt auf jeden Fall: "Wir beobachten einen massiven Anstieg von multiresistenten Keimen in der Bevölkerung", sagt die Kölner Hygienikerin Mattner. Sie sieht zwei Hauptursachen: Ärzte verschrieben immer noch zu leichtfertig Antibiotika, aber auch die Massentierhaltung könnte eine Rolle spielen. "Wir vermuten, dass ein Teil durch die Nahrung auf den Menschen übertragen wird."

Dass die von den Boulevardmedien "Killerkeime" getauften Erreger ein großes Problem sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Aber auch von ganz normalen Bakterien droht Gefahr, wenn sie im Krankenhaus auf geschwächte Patienten übertragen werden. Das Baby in der Charité zum Beispiel starb an den eigentlich harmlosen Darm-Keimen Serratien. "Jeder Erwachsene trägt zwei Kilo Bakterien mit sich herum", erklärt Mattner. Die meisten leben im Darm.

Keime auszumerzen ist ein Ding der Unmöglichkeit, Keime zu bekämpfen nicht immer möglich. Daher bleibt Maßnahme Nummer eins: Infektionen verhindern. In niederländischen Kliniken laufe das vorbildlich, findet Popp: Viele Pfleger pro Patient, strenge Antibiotika-Kontrolle, Überwachung von Risikopatienten. Aber nicht nur Ärzte und Pfleger könnten mithelfen, sagt Mattner: "Ein ganz banaler aber unglaublich effektiver Rat lautet: Auch der Besuch sollte sich die Hände desinfizieren, bevor er einem Kranken die Hand gibt."

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben