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APA-Artikel 10. Oktober 2012

Sport und Bewegung - Stiefkinder der Politik

Was hat die Kunst und Kultur was Sport und Bewegung nicht haben? Kunst und Kultur sind von der Politik in Österreich geachtet und gut dotiert. Sport und Bewegung haben in der politischen Landschaft Österreichs einen geringen Stellenwert. Alexander van der Bellen bemerkte nach Nationalratswahlen und vor den Koalitionsverhandlungen: "Mit dem Sport werden wir uns nicht abspeisen lassen." Präziser kann man den Stellenwert des Sports in der politischen Landschaft Österreichs nicht formulieren. Es gibt in Österreich keine flächendeckende qualitative Bewegung in den Kindergärten, in den Volksschulen, und auch nicht in den Pflichtschulen. In jeder dieser drei Institutionen dürfen für Bewegung mangelhaft ausgebildete Kräfte an Kindern herumexperimentieren.

In den AHS gibt es überhaupt nur mehr zwei Stunden Sport und Bewegung für die österreichische Jugend. In den Berufsschulen ist Sport und Bewegung überhaupt nicht vorgesehen. Gesetzlich sind nur mehr zwei Turnstunden wöchentlich in unseren Schulen vorgeschrieben. Experten bewerten dies als gesetzlich legitimierte Körperverletzung.

In Österreich wird das Dogma "Lernen oder Sport" praktiziert Die Infrastruktur für Sport in Österreich ist eine der schlechtesten in Europa. Den sozial abgesicherten Beruf Nachwuchstrainer gibt es in Österreich nicht. EuropameisterInnen, WeltmeisterInnen, OlympiasiegerInnen sind Einzelerscheinungen, oder werden von EinzelkämpferInnen erarbeitet. Lediglich im Wintersport, und da fast nur vom ÖSV werden SiegerInnen und Medaillen produziert.

Das Resultat: Österreich ist in Europa, was den Alkoholkonsum, den Nikotinverbrauch und die Fettleibigkeit der Jugendlichen betrifft in den Medaillenrängen. Nur mehr 28% der österreichischen Jugendlichen betreiben Sport. Nur mehr 9% der über 17jährigen erfüllen die gesundheitliche Vorgabe der WHO von einer Stunde Bewegung täglich. Österreich steuert auf ein gesundheitliches Desaster zu.

Diese Entwicklung war vorhersehbar. Sport war und ist in der Republik Österreich immer schon das Stiefkind der Politik. Dies ist an den Zuordnungen des Sports zu ministeriellen Ressorts erkennbar. 1918 bis 1969 sind Kunst, Kultur und Sport in keinem Ressort eines Ministeriums namentlich erwähnt. 1970 wird Bruno Kreisky Bundeskanzler und erweitert das Unterrichtsministerium um das Wörtchen Kunst. Ab da gibt es das BM für Unterricht und Kunst. 1985 ist es Bundeskanzler Fred Sinowatz der den Sport adelt. 15 Jahre nachdem es einen Kunstminister gibt wird dem BM für Unterricht und Kunst auch der Sport zugeteilt. Der erste Sportminister ist Herbert Moritz. Ihm folgen Hilde Hawlizek und Rudolf Scholten.

1991 landet der Sport bei Gesundheit und Konsumentenschutz. Harald Ettl, Michael Ausserwinkler und Christa Krammer sind dann für den Sport verantwortlich. 1995 wandert der Sport wieder weiter. Jetzt ist er im Bundeskanzleramt. Gerhard Schäffer wird Sport Staatssekretär. 1996 wird der Sport einmal mehr weitergereicht. Karl Schlögl wird Staatsekretär für Europa, öffentlichen Dienst und Sport 1997 ist Peter Wittmann für den Sport zuständig. Er leitet die Ressorts Europa, Kunst und Sport. 2000 wird Sport der Kunst und den Medien zugeteilt. Franz Morak ist kurz zuständiger Staatssekretär. 2000 übernimmt Vizekanzlerin Susanne Riehs Passer den Sport, der nun zum öffentlichen Dienst wandert. 2003 ist Wolfgang Schüssel kurz für die Sportagenden allein verantwortlich. Der Sport bleibt beim öffentlichen Dienst und untersteht dem Sozialministerium. 2003 kommt der Sport zurück ins Bundeskanzleramt. Karl Schweitzer wird Sport Staatssekretär. 2007 übernimmt Reinhold Lopatka als Staatssekretär im Bundeskanzleramt die Sportagenden. 2009 wandert der Sport zur Landesverteidigung. Norbert Darabos wird Minister für Landesverteidigung und Sport.

Kunst und Kultur verbleiben bis auf ein kurzes Zwischenspiel 42 Jahre lang immer im BM für Unterricht. Das Stiefkind Sport wandert in 27 Jahren von einem Ministerium zum anderen, und ist Anhängsel von acht Ressorts. Der Sport ist Untermieter bei Unterricht, Kunst, Europa, dem Bundeskanzleramt, den Medien, beim öffentlichen Dienst, dem Sozialministerium, dann wieder beim Bundeskanzleramt und zuletzt bei der Landesverteidigung.

Ähnlich wird der Sport in einigen Bundesländern behandelt. Auf den offiziellen Homepages der neun Bundesländer ist das Ressort Kultur auf allen Homepages auf der Hauptseite zu finden. Der Sport ist nur sechsmal auf den Hauptseiten präsent. Zweimal ist der Sport unter Kultur und Freizeit versteckt, einmal in der Rubrik Bürgerdienst.

Die Regierungen der Stadt Wien behandeln den Sport ähnlich stiefmütterlich wie die Bundesregierungen der Republik Österreich. In der ersten Republik ist Sport und Kultur in keinem Ressort der Stadt Wien namentlich angeführt.

1945 -1959 gibt es in der Stadtregierung unter BM Körner das Ressort Kultur und Volksbildung. 1959 -1969 wird das Ressort Kultur, Volksbildung mit dem Begriff Schule erweitert. 1969 ist es dann soweit. Der Sport wird satte 24 Jahre später als die Kultur entdeckt. Unter BM Marek heißt das Ressort jetzt Kultur, Schule, Sport. 1973 eliminiert BM Gratz den Sport wieder. Das Ressort wird auf Kultur, Jugend, Bildung umbenannt. 1978 führt BM Gratz das Ressort Personal und Sport ein. Stadtrat Heller übernimmt die Agenden. 1978 wird der Sport wieder der Kultur zugeteilt. Kurt Mrkwicka ist jetzt Wiener Kultur und Sportchef. 1987 hat es die Kultur geschafft. Kultur hat ein eigenes Ressort. Der Sport wird Stadtrat Michael Häupl der für die Ressort`s Umwelt und Freizeit verantwortlich ist, zugeteilt. 1994 landet der Sport bei Bildung, Jugend, Familie, Soziales und Frauen. Zuständig für diese Mammutabteilung ist Grete Laska. 2001 wird der Kultur die Wissenschaft zugeteilt. Sport fällt der Bildung, Jugend, Soziales und Information zu. Grete Laska ist weiter dafür zuständig.

2009 verbleibt der Sport bei Bildung, Jugend, Soziales und Information. Neuer Sportchef ist Stadtrat Oxonitsch der gemeinsam mit dem Sport acht Geschäftsgruppen leitet. Der Wiener Kulturstadtrat ist für drei Geschäftsgruppen zuständig. Die Kultur ist in der Wiener Stadtregierung seit 1945 also 67 Jahre lang immer präsent gewesen, und hat ab1987 ein eigenes Ressort mit einem eigenen Stadtrat. Das Stiefkind Sport ist seit 43 Jahren namentlich in der Wiener Stadtregierung verankert und erleidet ein ähnliches Schicksal wie in der Bundesregierung. Sport wird immer wieder hin und her geschoben und ist abwechselnd bei der Kultur, Personal, Umwelt, Freizeit, Bildung, Soziales, Information, Frauen, und Jugend angesiedelt.

Warum ist das eigentlich so? Ist dies gut für die Kinder, unsere Bevölkerung und die Republik Österreich? Und soll das so bleiben?

apa.at

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