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APA-Artikel 1. Oktober 2012

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte könnten ihren Versorgungsbereich massiv erweitern

"Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka hat eines der Grundprobleme im heimischen Gesundheitswesen genau erkannt", so Dr. Gerrit Loibl, erster Vizepräsident der NÖ Ärztekammer. "Es wird nämlich sehr viel Geld dadurch verbraucht, dass zu viele Patientinnen und Patienten in Spitalsambulanzen behandelt werden, die man genauso gut im niedergelassenen Bereich behandeln könnte."

Dass er diesen niedergelassenen Bereich nun dafür verantwortlich macht, seine Behandlungsstrukturen nicht im erforderlichen Ausmaß erweitert zu haben, kann Vizepräsident Dr. Loibl nicht nachvollziehen. "Es liegt ausschließlich im Bereich der Politik, die Strukturen der medizinischen Versorgung vorzugeben. Allen Ratschlägen von Gesundheitsökonomen zum Trotz setzt man seit Jahrzehnten auf den Ausbau des Spitalsbereichs und legt das Kassensystem "trocken". Auch in Niederösterreich. Die Kritik des Landeshauptmann-Stellvertreters am System ist daher aus meiner Sicht berechtigt. Adressieren muss er sie jedoch an sich selbst und seine Kolleginnen und Kollegen in den anderen Bundesländern und beim Bund."

670 Millionen Euro alleine in NÖ unnötig verbraucht

Vizepräsident Dr. Loibl erläutert: "LH Stv. Sobotka spricht von einer Milliarde Euro, die in den letzten Jahren zu Ungunsten der Spitäler "verschoben" wurde. Bekannt ist, dass die Behandlung in der Spitalsambulanz das Dreifache einer Behandlung in der Niederlassung kostet. Er rechnet uns also genau vor, dass wegen falscher Weichenstellung durch die Politik ein Betrag von ca. 670 Millionen Euro alleine in Niederösterreich unnötig verbraucht wurde."

Und das, obwohl die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte gerne bereit wären, diesen Teil der ambulanten Versorgung zu übernehmen. Nachdem die Politik den Kassen aber immer neue Ausgabenpakete anlastet ohne die Finanzierung sicherzustellen, sehen diese sich nicht mehr in Lage, weitere Leistungen im niedergelassenen Bereich zu finanzieren. "Diese Fehlentwicklung zeigt deutlich, dass die Organisation des Gesundheitssystems nicht von Politikern bestimmt werden darf, sondern den Expertinnen und Experten überlassen werden soll, nämlich der Ärzteschaft unter Mitsprache der Krankenkassen."

In den letzten 20 Jahren hat sich die gesamte Ärztezahl um knapp 70 Prozent erhöht, dabei sind die Ärztinnen und Ärzte im Spital um etwa 60 Prozent zahlenmäßig gewachsen. "Die Zahl der Kassenärztinnen und -ärzte hat sich durch die rigide Stellenplanpolitik fast nicht verändert. Die Zahl der Wahlärztinnen und Wahlärzte hat sich jedoch versechsfacht, zwischenzeitlich gibt es sogar schon mehr Wahlärzte als Kassenärzte. Diese Gruppe trägt damit bereits einen wesentlichen Teil zur öffentlichen Gesundheitsversorgung bei", so der Vizepräsident.

Patientinnen und Patienten gehen lieber zum persönlichen Vertrauensarzt als in die Spitalsambulanz

Nach einer jüngsten Umfrage durch die NÖ Ärztekammer sucht bereits jeder dritte Patient ärztliche Hilfe innerhalb des Wahlarztsystems, wo er üblicherweise einen Großteil der dadurch entstehenden Kosten selbst bezahlen muss. "Obwohl er im öffentlichen System einer verpflichtenden Krankenversicherung unterliegt", so Dr. Loibl. Drei Viertel aller Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher gehen lieber zu einem niedergelassenen Arzt ihres Vertrauens als in eine Spitalsambulanz. "Dass der Weg dann doch leider viel zu häufig in die Ambulanz führt, liegt eben an dieser rigiden Sparpolitik: Die Krankenkassen werden durch die Politik finanziell ausgehungert und jeder wundert sich dann auch noch, dass das ganze System immer teurer wird."

Er wiederholt daher den Vorschlag der NÖ Ärztekammer, in Niederösterreich pro Jahr 75 Millionen Euro vom Spitalsbudget für den Ausbau des niedergelassenen Bereichs zu verwenden. "Damit könnte man so viele neue Kassenstellen, Gruppenpraxen und 24-Stunden-Dienste in Niederösterreich finanzieren, dass das gesamte Gesundheitsbudget um 150 Millionen Euro pro Jahr entlastet werden könnte. Das alleine würde schon den Großteil der bestehenden Probleme lösen. Ich erwarte mir daher, dass diese Gedanken in die Verhandlungen zur bevorstehenden Gesundheitsreform miteinfließen", so Vizepräsident Dr. Loibl zum Abschluss.

apa.at

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