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APA-Artikel 28. September 2012

EHFG 2012: Knappe Mittel für Gesundheit gehen in unnötige Strukturen

Das am Mittwoch, den 3. Oktober, beginnende 15. European Health Forum Gastein (EHFG) steht heuer ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise und den Auswirkung der daraus resultierenden Sparbudgets auf die Gesundheit. EHFG-Präsident Günther Leiner kritisierte dabei gegenüber der APA die zunehmende Kürzung von Gesundheitsausgaben und forderte eine tiefgreifende Veränderung bei den Gesundheitsstrukturen.

Trotz massiver Einschnitte und hohem Spardruck in den Gesundheitsbudgets würden die Mittel in vielen Ländern nach wie vor falsch verwendet werden: "Es gibt nicht zu wenig Geld, die Mittel fließen nur in unnötige Strukturen, unnötige Leistungen und die falschen Kanäle", so Leiner, der die Probleme mit den Schlagworten "Über-Hospitalisierung, Über-Diagnostik und Über-Behandlung" zusammenfasste. In vielen europäischen Ländern gebe es nach wie vor zu viele Spitäler, zu viele Betten, zu viele Aufnahmen und eine zu kleinteilige Spitalstruktur. "Das verschlingt Ressourcen, die anderswo dringend gebraucht werden."

Bei den "Spitals-Europameistern" Österreich (7,7 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner) und Deutschland (8,2) liege die Bettendichte deutlich über dem Europa-Schnitt und über den Vergleichszahlen von Vorreitern wie Schweden (2,8), Norwegen (3,3) oder den Niederlanden (4,7). "Solche massiven Unterschiede können weder vernünftige medizinische Gründe haben, noch im unterschiedlichen Gesundheitszustand der Bevölkerung liegen", so Leiner. "Die Qualität der Gesundheitsversorgung ist in Ländern, die längst fällige Schließungen oder Zusammenlegungen durchgeführt haben, sicher nicht schlechter."

Paradox: Mehr Krankenhausaufenthalte bedeuten offenbar auch keine Entlastung der niedergelassenen Ärzte: Gerade Länder mit einer hohen Krankenhausdichte hätten auch besonders viele Arzt-Besuche pro Kopf und Jahr. Auch hier liegen Deutschland (8,2) und Österreich (6,9) deutlich über dem OECD-Schnitt (6,5) liegen.

Eine Vielzahl an Krankenhäusern, die ohne Spezialisierung das gesamte Leistungsspektrum anbieten, sei nicht nur wirtschaftlich ineffizient, sondern auch problematisch für die Patientensicherheit: "Was man nur selten tut, macht man weniger gut, weil die Erfahrung fehlt", sagte Leiner und präsentierte dazu eine Reihe aktueller Zahlen: Eine Studie der Stanford University (USA) zeige, dass bei Eingriffen wie Aortenaneurysma-, Bypass- oder Magenband-Operationen die Frequenz, mit der sie an einem Ort durchgeführt werden, klar in umgekehrter Relation zur Komplikationsrate steht. Ähnliches belege eine deutsche Studie: Je mehr Eingriffe am Herz pro Jahr, desto weniger Todesfälle oder Komplikationen.

Die Ursache für eine "Über-Diagnostik" ortet Leiner in der besonders hohen Verfügbarkeit diagnostischer Apparaturen: "Wie bei den Spitalbetten liegt die Annahme nahe, dass auch bei medizinischen Geräten das Angebot nicht unbedingt der Patienten-Nachfrage folgt, sondern ökonomischen Gründen. Erst das Angebot schafft die Nachfrage."

Selbiges Problem führe laut Leiner auch zu einer Vielzahl unnötiger Operationen: "Gibt es zu viele Spitäler, dann gibt es oft auch Überleistung - schon aus wirtschaftlichen Gründen." Chirurgische Eingriffe seien jedoch immer mit einem nicht zu unterschätzenden Risiko behaftet. "Laut einer US-Studie für die WHO, die weltweit die Gesamtzahl aller operativen Eingriffe ermittelt hat, haben jedes Jahr rund sieben Millionen Patienten Komplikationen nach einer Operation. Die Hälfte dieser Fälle wäre vermeidbar."

(S E R V I C E - http://www.ehfg.org/de/home)

apa.at

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