zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 13. September 2012

Deutsche Ärzte drohen mit bundesweiten Praxisschließungen

Den Patienten in Deutschland drohen ab der kommenden Woche bundesweite Praxisschließungen. Ärzte wollen sich im Honorarstreit mit den Krankenkassen weigern, Termine zu vergeben. Kassen- und Privatpatienten sollen gleichermaßen betroffen sein. 75 Prozent von gut 50 000 niedergelassenen Ärzte, die an einer Umfrage von Ärzteverbänden teilnahmen, stimmten für Praxisschließungen. Die Ärzte wollen aber nur streiken, wenn die Kassen ihnen bei der nächsten Verhandlungsrunde zum Ärztehonorar 2013 am Samstag nicht entgegenkommen, wie ihre Spitzenvertreter am Donnerstag in Berlin mitteilten.

An der Abstimmung beteiligte fast die Hälfte der 103 000 Mitglieder von rund 30 ärztlichen Berufsverbänden. Bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Chirurgen, Urologen und Hautärzten ist die Streikbereitschaft demnach am größten, bei Kinderärzten und Augenärzten mit weniger als der Hälfte am Geringsten. Der Deutsche Hausärzteverband beteiligte sich nicht, denn viele Hausärzte sind von dem Honorarstreit wegen Sonderverträgen mit einzelnen Krankenkassen nicht betroffen.

"Sie erleben zur Zeit die größten Ärzteproteste seit 2006", sagte der Sprecher der Allianz der Verbände, Dirk Heinrich. "Wir sind kampfbereit." Durch einen guten und fairen Abschluss an diesem Samstag könnten die Kassen Praxisschließungen verhindern. Am Montag wollen die Ärzte das Verhandlungsergebnis für die rund 150 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten bewerten.

"Wir sind bereit, Kompromisslösungen zu akzeptieren", sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler. In den laufenden Honorarverhandlungen gab es bisher den Beschluss, dass die Ärzte aufgrund einer leichten Erhöhung der Preise für ihre Leistungen 270 Millionen Euro mehr bekommen sollen. Die KBV war in dem Entscheidungsgremium, dem Erweiterten Bewertungsausschuss, vom Kassenverband und einem unabhängigen Vorsitzenden überstimmt worden und klagt gegen den Beschluss. Nun sollen noch mehrere hundert Millionen Euro dazukommen für die Anrechnung steigender Krankheitslasten in der Bevölkerung.

Gefordert hatten die Ärzte 3,5 Milliarden Euro zusätzlich. Wie hoch die Steigerung ausfallen muss, damit die Ärzte die Proteste abblasen, wollten sie nicht sagen. Der Umfang der möglichen Streiks blieb unklar. Die Verbände hätten nun das Mandat für auch überraschende Aktionen, sagte Heinrich. "Es kann sein, dass man keine Termine mehr vergibt." Zur Praxisschließung könne kein Arzt gezwungen werden. Doch gehe er von einer massiven Teilnahme aus. Auch Privatpatienten wären betroffen. "Wenn eine Praxis zu ist, ist sie für mich zu."

Die Versorgung breche aber nicht zusammen. Köhler: "Wenn es zu Praxisschließungen kommt, wird es unsere Aufgabe sein, über den ärztlichen Bereitschaftsdienst die Akutversorgung und die Notfallversorgung sicherzustellen."

Wie lange die Proteste dauern könnten, sagte Heinrich nicht. Anders als bei Tarifverhandlungen gibt es bei den freiberuflichen Ärzten keinen festen Streikfahrplan. Der Erweiterte Bewertungsausschuss kann auch gegen die KBV Beschlüsse fassen. Heinrich sagte, neue Entscheidungen seien jederzeit möglich.

Die Kassen reagierten mit Unverständnis. Mit einem durchschnittlichen Brutto-Einkommen nach Abzug der Praxiskosten von über 160 000 Euro gehörten Ärzte zu den gut Verdienenden, sagte ihr Verbandssprecher Florian Lanz. "Die internen Verteilungsprobleme zwischen den Arztgruppen löst man wohl nicht dadurch, dass Patienten vor verschlossenen Türen stehen gelassen werden."

Der Patientenbeauftragte Wolfgang Zöller (CSU) zeigte sich in der "Passauer Neuen Presse" (Freitag) "maßlos enttäuscht". Nach Ansicht des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte beschädigen die Proteste das Ansehen der Mediziner. "Dass ein Berufsstand, der insgesamt gut verdient, sich so aufführt, ist schädlich für die gesamte Ärzteschaft", sagte der Vorsitzende Wulf Dietrich der Deutschen Presse-Agentur. Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung und der Sozialverband Deutschland ermahnte die Ärzte, Rücksicht auf Kranke und vor allem Schwerstkranke zu nehmen.

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben