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APA-Artikel 16. Juli 2012

Go west: Rumänische Jung-Ärzte büffeln für den Beruf in Deutschland

Loredana Fildan übt sich im Deutsch-Unterricht an der Tafel. Dafür, dass sie erst vor drei Monaten aus Rumänien nach Fulda gekommen ist, spricht sie schon recht gut. Wenn sie etwas nicht ausdrücken kann, lächelt sie hübsch. Aber um später mal in einem deutschen Krankenhaus arbeiten zu können, muss die 31-Jährige noch viele Vokabeln lernen: Bauchfellentzündung, Anamnesebogen oder Zentralsterilisation etwa. "Schwierige Wörter", meint sie und lächelt.

Loredana Fildan lernt mit 15 anderen Teilnehmern an einer Einrichtung, die nach eigenen Angaben bundesweit ihresgleichen sucht. In der neugegründeten Akademie des Arztes und Klinikbetreibers Samir Al-Hami werden in Fulda junge Ärzte aus Rumänien auf ein Berufsleben in Deutschland vorbereitet. Seit März laufen die Weiterbildungskurse. Im September werden die ersten von ihnen nach sechs Monaten fertig.

Erste Kliniken hätten bereits Interesse an einer Übernahme der Nachwuchs-Mediziner aus dem Ausland signalisiert, mündlich seien einige Job-Zusagen gemacht worden, sagt Akademie-Gründer Samir Al-Hami zufrieden. Fildan erfuhr in ihrer Heimatstadt Timisoara (Temesvar) übers Internet von der Akademie und war begeistert: "Ein gutes Modell und eine tolle Chance für mich. In Rumänien ist das medizinische System nicht so gut wie in Deutschland. Ich erhoffe mir eine bessere Zukunft hier."

Der 56-jährige Neurochirurg Samir Al-Hami will mit seiner Akademie etwas gegen den drohenden Ärztemangel in Deutschland tun und jungen ausländischen Medizinern helfen. Vor vielen Jahren habe er sich in einer ganz ähnlichen Situation befunden wie sie, sagt er.

Mit 19 Jahren kam er 1975 aus Jordanien nach Deutschland. "Ich konnte kein einziges Wort Deutsch, hatte 300 Mark in der Tasche und einen Koffer in der Hand", erinnert er sich. "Hätte mir damals jemand das Angebot solch einer Unterstützung gemacht, hätte ich ihm die Füße geküsst." Nun will er "Hilfe zur Selbsthilfe" leisten, wie er es nennt.

35 000 Euro Kosten entstünden ihm pro Teilnehmer, unter anderem für die Kurse, die Unterkunft im Appartementhaus, Verpflegung, und sogar 250 Euro Taschengeld pro Monat sind drin. Die Hälfte der Summe sollen die Absolventen später in kleinen Raten zurückzahlen, wenn sie einen Job haben. Den Rest soll der künftige Arbeitgeber nach dem Kurs beisteuern. Das Risiko trägt Al-Hami. Wenn jemand kurz vor Schluss abbricht? "Dann habe ich Pech gehabt", sagt er locker.

Viele gute ausländische Medizin-Studenten wollten nach ihrem Abschluss nach Deutschland, könnten es sich aber nicht leisten. "Wir treten für sie in Vorleistung", sagt Al-Hami.

Bei potenziellen Arbeitgebern stößt das Konzept auf Interesse. Erik Schmoock, Verwaltungsdirektor der Median Klinik NRZ Wiesbaden und einer Rehaklinik, sagt: "Es ist sehr wichtig, dass ausländische Fachkräfte optimal auf ihre Anstellung in Deutschland vorbereitet werden." Insbesondere bräuchten sie gute Deutschkenntnisse. "Deshalb können wir uns grundsätzlich vorstellen, auch Absolventen der Dr. Al-Hami Akademie zu beschäftigen."

Seit drei Wochen lernen auch acht Pfleger aus Rumänien an der Akademie. "Bei den Pflegekräften ist der Mangel in Deutschland noch größer als bei Ärzten", sagt Al-Hami. Ärzte wie Pflegekräfte bekommen aber nicht nur Deutsch-Unterricht mit Hilfe des Goethe-Instituts. Vermittelt werden ihnen auch Kenntnisse rund um das Gesundheitssystem in Deutschland und Fähigkeiten bei der Patienten-Behandlung.

Mehr als 600 Interessenten hätten sich um die Plätze in seiner Akademie beworben, sagt Al-Hami. Ausgewählt wurden sie hauptsächlich nach den Abschlussnoten. Sie sollten aber auch familiär ungebunden sein und danach in Deutschland bleiben wollen. Für Loredana Fildan kein Problem: Die junge Frau sagt, sie würde neben dem Job auch gern einen netten Mann in Deutschland finden - und lächelt wieder.

Von Jörn Perske, dpa

apa.at

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