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APA-Artikel 5. Juli 2012

European Health Forum: Leistungseinschränkungen sind nicht Sparen

Nicht die Einschränkung medizinischer Leistungen darf die Antwort auf angespannte Gesundheitsbudgets sein, sondern tiefgreifende Veränderungen in der Krankenhausstruktur, um zugleich Einsparungen und bessere Behandlungsqualität zu erreichen. Das betonte der Präsident des European Health Forum Gastein (EHFG), Günther Leiner, Mittwochabend in Wien bei der Präsentation des Programms für den Kongress, der vom 3. bis 6. Oktober in Bad Hofgastein abläuft.

Leiner, Internist und ehemaliger VP-Gesundheitssprecher: "Das betrifft vor allem die Krankenhausdichte. In vielen europäischen Ländern, und Österreich steht hier gemeinsam mit Deutschland an vorderster Stelle, gibt es nach wie vor zu viele Spitäler, zu viele Spitalsbetten, zu viele Spitalsaufnahmen und eine zu kleinteilige Spitalsstruktur. Das verschlingt nur Ressourcen, die anderswo in der Gesundheitsversorgung dringend gebraucht werden (...)."

Die aktuelle Wirtschaftskrise verschärfe in vielen europäischen Gesundheitssystemen eine paradoxe Situation, so Leiner: "Man schreckt in immer mehr Ländern nicht vor massiven Leistungskürzungen zurück, aber andererseits bleibt viel Spar- und Effizienzpotenzial ungenutzt, das zudem noch die Versorgungsqualität verbessern würde. Gibt es eine Vielzahl an Krankenhäusern, die ohne Spezialisierung das gesamte Leistungsspektrum anbieten, kann das wirtschaftlich ineffizient und problematisch für die Patientensicherheit sein. Aktuelle Studien haben vielfach nachgewiesen, dass auch in der Medizin der Grundsatz gilt: Was man nur selten tut, macht man weniger gut, weil die spezialisierte Erfahrung fehlt."

Leiner führte dazu mehrere Beispiele aus der wissenschaftlichen Literatur an. So zeige eine neue Studie Stanford University (USA), dass bei so unterschiedlichen Eingriffen wie Aortenaneurysma-, Bypass- oder Magenband-Operationen die Frequenz, mit der sie in einem Zentrum durchgeführt werden, klar in umgekehrter Relation zur Komplikationsrate stehe. Ebenfalls aus den USA stamme ein Studienergebnis, wonach in Krankenhäusern mit einer hohen Fallzahl an Herzinfarkt-Patienten, Kranken mit Herzschwäche oder Patienten mit Lungenentzündungen die Sterblichkeit um elf, neun bzw. fünf Prozent geringer sei als in kleineren Krankenhäusern. Aus Österreich gibt es Registerdaten, wonach mehr Patienten pro Bett einer Intensivstation eine geringere Mortalität bedeute.

Das führt aber auch zur Frage der Ressourcenverteilung, so Leiner. In den Spitals-Europameistern Österreich (7,7 Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner), Deutschland (8,2) oder Tschechien und Ungarn (7,1) liegt die Bettendichte deutlich über dem Europa-Schnitt und über den Vergleichszahlen von Reform-Vorreiter-Staaten wie Schweden (2,8), Norwegen (3,3) oder den Niederlanden (4,7). Der Gesundheitsexperte: "Solche massiven Unterschiede können keine vernünftigen medizinischen Gründe haben. Die Qualität der Gesundheitsversorgung ist jedenfalls in den Ländern, die im Krankenhausbereich die längst fälligen Schließungen, Zusammenlegungen und arbeitsteiligen Spezialisierungen durchgeführt haben, sicher nicht schlechter."

Auf der anderen Seite sieht Leiner aber eine Gefahr durch simples Sparen im Gesundheitswesen: "Wir dürfen die ökonomischen Probleme der europäischen Gesundheitssysteme nicht dadurch lösen, dass wir kranken Menschen notwendige Behandlungen vorenthalten, sondern indem wir nachhaltig in die Strukturen eingreifen. Das bedeutet nicht unbedingt immer Spitalsschließungen, aber es bedeutet, dass wir Spezialisierungen und Arbeitsteilung brauchen und nicht jedes kleine Haus alles anbietet."

apa.at

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