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APA-Artikel 4. Juli 2012

Europäischer Hausärztekongress: Auch "Nichtstun" ist Medizin

Auch "Nichtstun" - beispielsweise Beratung und Anleitung in Sachen Lebensstil statt Ausdrucken eines E-Medikations-Rezeptes - kann Medizin sein: Mit der "Kunst" der Umsetzung von wissenschaftlich basierter Heilkunde in der täglichen Praxis der medizinischen Primärversorgung befasst sich der Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (WONCA, 4. bis 7. Juli), der bis am Samstag im Austria Center Vienna abläuft. Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch wurde vor allem auf die Patientennähe und die gesundheitspolitische Bedeutung der Allgemeinmedizin hingewiesen.

"Viele Erkrankungen können geheilt oder verhindert werden, wenn der Lebensstil entsprechend angepasst wird. Das steht in allen Leitlinien. Es ist aber damit nicht gesagt, dass der Patient das auch tut", meinte Manfred Maier (MedUni Wien), Leiter des wissenschaftlichen Komitees der WONCA-Europe-Konferenz mit mehr als 2.000 Teilnehmern.

Zwei andere Themenbereiche, in denen speziell die Nähe zum Kranken und die Kenntnis dessen familiären und sozialen Umfeldes von entscheidender Bedeutung sind, so Maier: "Es gibt viele Gesundheitsstörungen, bei denen keine medikamentöse Behandlung notwendig ist." Auch das "Nichtstun" könne hier echte Medizin sein. Und, so der Experte: "Bei vielen mehrfach kranken Patienten, die in die Praxis kommen, kann man nicht einfach alle Leitlinien (für die einzelnen Erkrankungen, Anm.) zusammennehmen und anwenden. Da ist zu entscheiden: 'Was ist dem Patienten zumutbar'?" - Wenn Kardiologen, Orthopäden, Dermatologen etc., etc. jeweils "ihre Spezialerkrankung" intensivst behandeln wollen, kommt leicht ein Mix heraus, der mehr belastet als heilt oder lindert.

Bei dem Kongress geht es deshalb in vielen Vorträgen um die Koordination und die Umsetzung des Machbaren in der täglichen Praxis der Primärversorgung durch die Allgemeinmedizin. Österreichischer Tagungspräsident Gustav Kamenski: "Wir haben mit mehr als 2.000 Teilnehmern gerechnet. Diese Hoffnung hat sich bestätigt. Es geht darum, mit der Evidence Based Medicine (Medizin auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen, EBM; Anm.) sinnvoll umzugehen. Das soll Patienten- und Personen-zentriert sein. Wir haben auch das Ziel, die österreichische Gesundheitspolitik darauf hinzuweisen, welchen hohen Stellenwert die Allgemeinmedizin international hat."

Es gibt - so die Vertreter der Kongressveranstalter - international deutliche Hinweise dafür, dass die Gesundheitspolitik die Allgemeinmedizin in Ausbildung und Ressourcenverteilung eher fördern denn als "Anhängsel" des Spezialistentums sehen sollte. Reinhard Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Wir blicken gerne auf Deutschland, wo es auch schon eine wissenschaftliche Evaluation des Hausarztmodells in Baden-Württemberg gibt. In den USA sieht man zunehmend ein, dass - wenn man alle Menschen gut versorgen will -, Hausärzte wichtig sind. Wenn sie erreichbar und bezahlbar sind." Im deutschen Bundesland Baden-Württemberg können sich Patienten für einen Hausarzt entscheiden, über den der Zugang zum Gesundheitswesen läuft. Glehr: "Das ist kein Sparmodell, sondern ein Qualitätsmodell geworden."

apa.at

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