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APA-Artikel 22. Mai 2012

"Fangprämie" für Patienten bei Ärzten und Kliniken ist in Deutschland gängige Praxis

Ärzte und Krankenhäuser kassieren in vielen Fällen illegale Extra-Honorare für die Überweisung von Patienten. Sogenannte Fangprämien seien im deutschen Gesundheitswesen keine Ausnahme, sondern gängige Praxis, wie aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Studie im Auftrag des Kassen-Spitzenverbandes hervorgeht. Die gesetzlichen Kassen sehen darin ein "erhebliches Korruptionspotenzial".

Für die repräsentative Studie der Uni Halle-Wittenberg im Auftrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurden rund 1140 niedergelassene Ärzte, leitende Angestellte von stationäre Einrichtungen und nichtärztliche Leistungserbringer wie Optiker, Krankengymnasten oder Hörgeräteakustiker befragt.

Danach halten 14 Prozent der Ärzte und knapp ein Viertel der stationären Einrichtungen (24 Prozent) es für eine übliche Praxis, dass Patienten gegen Prämiengelder oder Sachleistungen wie Tagungskosten zu bestimmten Medizinern, Kliniken oder auch Physiotherapeuten überwiesen werden. Bei den nichtärztlichen Leistungserbringern meint sogar fast die Hälfte (46 Prozent), "Fangprämien" seien weit verbreitet.

GKV-Vorstand Gernot Kiefer sprach von einem "Skandal". Hochgerechnet würden damit heute mehr als 27.000 niedergelassene Vertragsärzte gegen das Berufsrecht verstoßen. "Würde hier das Strafrecht angewendet werden, wäre klar, welches hohe Korruptionspotenzial im deutschen Gesundheitswesen besteht", erklärte Kiefer.

Ein Großteil der Befragten hält das Risiko, entdeckt zu werden, aber offenbar für gering. Fehlende Kontrollen und Sanktionen ließen "Fangprämien" offenbar "als risikoarmes Kavaliersdelikt erscheinen", kritisierte Kiefer. Als Konsequenz kündigte er an, die Kassen wollten Vertragsärzten notfalls die Zulassung entziehen lassen, wenn sie für Patientenzuweisungen Vorteile einstreichen oder anbieten.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, bezweifelte dagegen die Seriosität der Zahlen und warf den Kassen eine "Diffamierung" der Ärzteschaft vor. Statt pauschale Verdächtigungen auszustreuen, sollten sich die Kassen besser um Sachaufklärung bemühen und "Ross und Reiter nennen", forderte Montgomery am Rande des Ärztetages in Nürnberg, der sich unter anderem mit der Zukunft der Krankenversicherung befasst.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sagte dem Internetportal der "Bild"-Zeitung, jeder einzelne Fall von "Fangprämien" sei "völlig inakzeptabel". Bei "Fangprämien" gehe es nicht um das Wohl der Patienten, sondern ums Portemonnaie der Ärzte.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach bei Bild.de von Mafia-Verhältnissen, "die einen Riesen-Schaden verursachen". Die SPD habe daher im Bundestags-Gesundheitsausschuss einen Antrag eingebracht, dass in solchen Fällen niedergelassene Ärzte strafrechtlich für den Tatbestand der Bestechlichkeit belangt werden könnten. "Nur dann wird sich endlich etwas ändern", sagte Lauterbach.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Martina Bunge, erklärte in Berlin, "Fangprämien" seien Folge einer zunehmenden Privatisierung des Gesundheitssystems und des knallharten Wettbewerbs "um Patienten und Geld".

apa.at

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