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APA-Artikel 22. Mai 2012

Wenig alltagstauglich: Schweizer Spitäler wollen Fallpauschalen verbessern

Der Spitalverband H+ nennt die Einführung der Fallpauschalen einen Erfolg. Dennoch geht er mit Versicherern und Kantonen hart ins Gericht: Die Kassen hätten teilweise zu wenig Know- how, und ein «kantonaler Protektionismus» verhindere die freie Spitalwahl.

Die Anfang 2012 eingeführten Fallpauschalen seien «ein Erfolg», sagte H+-Präsident Charles Favre am Dienstag vor den Medien in Bern. Die technische Einführung sei praktisch reibungslos verlaufen, und die Umstellung habe für die meisten Kantone nur wenige Veränderungen gebracht.

Die Liste mit Problemen, die H+ im neuen System SwissDRG ortet, ist gleichwohl lang. Kritik übte Präsident Favre vor allem an den Preisverhandlungen. Während mit den Krankenkassen Helsana, Sanitas und KPT zahlreiche Verträge bestünden, gebe es noch kaum welche mit Kassen, die der santésuisse-Tochter tarifsuisse angeschlossen seien. Deshalb müsse vielerorts mit provisorischen Tarifen abgerechnet werden.

Unzufrieden sind die Spitäler aber auch mit einzelnen Kantonen. Favre sprach von einem «kantonalen Protektionismus» bei ausserkantonalen Behandlungen. Weil nicht alle Kantone gleich viel bezahlen, wenn sich ihre Patienten in einem anderen Kanton behandeln lassen, funktioniere die freie Spitalwahl teilweise schlecht.

Der Zustand gleicht laut Favre einem «Wildwuchs bei den kantonalen Referenztarifen» und sei «inakzeptabel». Man habe sich deswegen bereits an Gesundheitsminister Alain Berset gewandt.

«Wenig Know-how bei den Kassen»

Vorwürfe erhob H+-Vizepräsident Werner Kübler auch an die Adresse der Krankenversicherer. Kübler ist Direktor der Universitätsspitals Basel und stört sich daran, dass Kassen bei den Spitälern viele unauffällige Rechnungen nachprüfen. Die Versicherer hätten zwar die Aufgabe zu prüfen, Kübler hält aber die Art und Weise für problematisch: «Die Versicherungen haben zum Teil wenig Know-how beim Nachfragen.» Sie stellten immer wieder dieselben Fragen ohne klaren Fokus.

Ein weiteres Problem sieht Kübler im Abgeltungssystem. Dieses sei viel zu wenig differenziert. Als gutes Beispiel dient ihm Deutschland, wo viel deutlicher zwischen Universitätsspitälern mit komplexen, teuren Fällen und Zentrumsspitälern differenziert werde.

Für seltene Spezialfälle will H+ zudem die Daten aus Deutschland übernehmen dürfen. H+-Direktor Bernhard Wegmüller hält die Schweiz für zu klein, um ein eigenes System pflegen zu können.

Schreckgespenst blutige Entlassung

Die Vertreter der Spitäler legen Wert auf die Feststellung, dass die beste medizinische Behandlung auch mit den Fallpauschalen oberste Priorität habe und Patienten nicht vorzeitig entlassen würden. Dieses «Schreckgespenst blutige Entlassung» sei nicht aufgetreten, sagte H+-Vizepräsident Matthias Mühlheim.

In seiner Funktion als administrativer Direktor der Reha Rheinfelden AG beobachtet Mühlheim, dass sich das neue Sytem trotzdem auf einzelne Patientinnen und Patienten auswirken kann. Obwohl die Fallpauschalen in Rehakliniken nicht gelten, würden Patienten teilweise später in die Reha eingeliefert als vor dem neuen System.

Dies deshalb, so Mühlheim, weil die Kassen den über DRG finanzierten Aufenthalt im Spital möglichst ausnützen wollen. Würden die Patienten früher in die Reha überwiesen, käme dies teurer - obwohl es laut Mühlheim Sinn machen würde. Er bemängelt deshalb, dass der falsche Anreiz einem medizinisch sinnvollen frühen Reha- Beginn «diametral entgegenläuft».

Zudem würden in den Akutspitälern zum Teil die Nebendiagnosen «etwas vernachlässigt», weil sie sich auf die Hauptdiagnose gemäss DRG fokussierten und diese sorgfältig stellten.

apa.at

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