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APA-Artikel 3. Mai 2012

Managed Care: Neuer Trend Richtung Spitalbett

Immer mehr Patientinnen und Patienten sind in den letzten Jahren ambulant behandelt worden. Managed Care könnte diesen Trend umkehren. Für Ärzte und Krankenkassen ist es unter Umständen finanziell interessanter, die Versicherten stationär im Spital behandeln zu lassen.

Die Vorlage, über die am 17. Juni abgestimmt wird, würde damit zum Bumerang für Kantone und Steuerzahler. Diese berappen gut die Hälfte der Kosten, wenn eine Patientin oder ein Patient über Nacht im Spital bleibt. Den Rest zahlen die Krankenkassen. Bei einer ambulanten Behandlung dagegen gehen die Kosten voll zu Lasten der Versicherung.

Ärzte in neuer Rolle

Diese Kostenverteilung gilt seit Einführung der neuen Spitalfinanzierung Anfang 2012. Ändern würde sich mit Managed Care die Rolle der Ärzte. Sie haben heute kein finanzielles Interesse daran, ihre Patienten ins Spital zu schicken; sobald sie mit einem Budget arbeiten müssen, unter Umständen schon.

Das Budget des Netzwerkes muss nämlich nur den Anteil der Krankenkassen an der stationären Behandlung decken, also knapp die Hälfte der Kosten. «Die Ärzte in den Versorgungsnetzen können sparen, wenn ein Patient stationär behandelt wird. Die Hälfte zahlt der Kanton», sagte Jacques de Haller, Präsident der Ärztevereinigung FMH, welche die Managed Care-Vorlage bekämpft.

Der unabhängige Gesundheitsökonom Willy Oggier teilt de Hallers Befürchtungen. Das Problem ist seiner Meinung nach die so genannte Budgetmitverantwortung, wie er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda sagte. Unter dem Regime von Managed Care würden die Ärztenetze für jeden angeschlossenen Versicherten eine Pauschale erhalten, unabhängig von der erbrachten Leistung.

Sind die tatsächlich anfallenden Kosten höher, muss sich das Ärztenetz am Defizit beteiligen. Umgekehrt profitiert das Netzwerk und mit ihm die Ärzte von einem allfälligen Überschuss: Ein Teil des eingesparten Geldes kann als Bonus ausbezahlt werden.

«Ein Arzt mit Budgetverantwortung wird seine Patienten darum an ein Spital überweisen wollen», sagte Oggier. Bei einer stationären Behandlung werde sein Budget nur mit knapp der Hälfte der Kosten belastet - jenem Anteil, der gemäss Spitalfinanzierung zu Lasten der Krankenkassen geht. Wird der Patient ambulant behandelt, schlagen die Kosten zu 100 Prozent im Budget des Ärztenetzes zu Buche.

Teure Therapien im Spital

Nach Ansicht der Krankenkassen führt die Budgetmitverantwortung jedoch nicht zu einem Trend Richtung Spital. «Weil die Kosten für die stationäre Behandlung viel höher sind, haben weder die Kassen noch die Ärzte ein Interesse daran», sagte Silvia Schütz vom Krankenkassendachverband santésuisse.

Oggier widerspricht. Wenn etwa sehr teure Medikamente zum Einsatz kämen, beispielsweise in der Krebstherapie, lohne sich eine stationäre Behandlung eben doch, sagte er. Grund ist, dass der Aufpreis für das Spitalbett und die Pflege im Vergleich zum Medikament kaum ins Gewicht fällt; für das Ärztenetz und die Krankenkassen geht die Rechnung daher trotzdem auf.

Das Spital werde einen Patienten wann immer möglich ambulant behandeln, wendet santésuisse-Sprecherin Schütz weiter ein. Und daran habe der überweisende Arzt keinerlei Interesse, weil sein Budget voll belastet würde, während er selber nichts in Rechnung stellen könne.

Oggier widerspricht auch diesem Argument. Managed-Care- Versicherte könnten sich nur in Notfällen selber an ein Spital wenden, erklärte er. Daher seien die Spitäler darauf angewiesen, von den Ärztenetzen Patienten zugewiesen zu bekommen. Sie müssten ihre Betten füllen und könnten sich nicht leisten, von gewissen Versorgungsnetzen und Krankenkassen übergangen zu werden.

Damit verfügten diese über ein Druckmittel, die überwiesenen Patienten stationär behandeln zu lassen. «Wenn 60 Prozent der Patienten in Managed-Care-Modellen versichert sind, wird der Druck auf die Spitäler gross», sagte Oggier.

Problem erkannt

Zusätzliche stationäre Behandlungen würden die Kantonskassen belasten. Diese unterstützen die Vorlage, haben das Problem aber erkannt: «Das ist eine der Schnittstellen, die möglicherweise auf dem Verordnungsweg geregelt werden muss», sagte Carlo Conti, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK, der sda. Nach Auskunft des Bundesamts für Gesundheit hat der Bundesrat in dem Bereich allerdings keine Verordnungskompetenz.

Um die Auswirkungen der Managed-Care-Vorlage tobt derzeit ein Glaubenskrieg. Die Befürworter versprechen sich davon eine bessere Vergleichbarkeit ärztlicher Leistungen, bessere Behandlungen und tiefere Kosten, weil unnötige Untersuchungen und Therapien vermieden werden. Die Gegner warnen vor der wachsenden Macht der Krankenkassen und einer drohenden Unterversorgung der Patienten.

Entschieden wird der Streit an der Urne oder dann erst in der Praxis: Weder die Daten der existierenden Ärztenetze noch die Erfahrungen im Ausland taugen als Grundlage, um die Auswirkung der flächendeckenden integrierten Versorgung in der Schweiz abzuschätzen.

Von Nicolas Hehl, sda

apa.at

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