zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 7. März 2012

Malariatherapie: Historikerkommission nimmt Arbeit auf

Waren "Malariatherapie", Insulinschocks und ähnliche Methoden in den 1950er und 1960er Jahren noch State of the Art, oder waren es eigentlich obsolete Behandlungswege und Experimente, vor allem bei psychiatrischen Krankheitsbildern, die dennoch angewandt wurden? Diese und andere Fragen soll eine unabhängige Historikerkommission klären, welche die Nachkriegsgeschichte der früheren Medizinischen Fakultät der Universität Wien aufarbeiten soll. Der Rektor der MedUni Wien, Wolfgang Schütz, hat am Mittwoch Gernot Heiss als Leiter der fünfköpfigen Kommission vorgestellt.

Mit Heiss sind der Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb, der an der Universität Wien lehrende US-Historiker Mitchell Ash, Margarete Grandner und Gabriella Hauch im Team. Sie werden von externen Experten und einem Beirat der MedUni Wien unterstützt. Als externe Experten wurden der Wiener Patientenanwalt Konrad Brustbauer, der Medizinrechtler Christian Kopetzki und die Psychiaterin Elisabeth Brainin gewonnen. Für die MedUni sitzen die vier Psychiatrie-Professoren Siegfried Kasper, Max Friedrich, Johannes Wancata und Stephan Doering sowie Michael Hubenstorf vom Institut für Geschichte der Medizin im Beirat.

Im Zentrum der Untersuchung steht die sogenannte Klinik Hoff, die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie, benannt nach ihrem Leiter Hans Hoff. Gefragt ist der Zeitraum zwischen 1945 und 1978, jenem Jahr, in dem an der Medizinischen Fakultät die Ethikkommission eingeführt wurde. Damit wurde das Selbstbestimmungsrecht der Patienten gestärkt, ihre Zustimmung war Voraussetzung für Therapien geworden. "Die Arzt-Patientenbeziehung war früher anders. Der Arzt tat, was er für das Beste für den Patienten hielt", sagte Christiane Druml, Vizerektorin der MedUni Wien für Klinische Angelegenheiten und Vorsitzende der Bioethikkommission.

"Ich war überrascht, dass die Malariatherapie in den 50er und 60er Jahren noch durchgeführt wurde", sagte Schütz. 1927 hatte Julius Wagner-Jauregg für die Behandlungsform für Syphiliskranke im Spätstadium entdeckt und dafür den Nobelpreis bekommen. In der Nackkriegszeit wurde die Therapie durch die Einführung des Penicillins überholt. In der Krampftherapie waren beispielsweise Insulinschocks lange eine gängige Behandlungsmethode.

Dem Rektor zufolge lautet nun die Frage: "Ist das damals (zwischen 1945 und 1978, Anm.) nur in einer gewissen Tradition von 1927 verwendet worden, oder hatte das noch praktische Bedeutung?" Es gehe um die Bewertung dieser Behandlungsmethoden mit dem damaligen Stand des Wissens. Schließlich würde Schütz zufolge niemand auf die Idee kommen, den Ärzten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven Vorwürfe zu machen, die mit Aderlässen sicher zum früheren Ableben der Komponisten beigetragen hätten. Diese waren eben "damals State of the Art".

Die Arbeit der Kommission ist vorläufig für zwei Jahre veranschlagt. In den ersten beiden Monaten geht es Heiss zufolge um die Sichtung der Quellen: "Ich kann nur hoffen, dass noch etwas auf der Klinik vorhanden ist", sagte der Historiker. Neben schriftlichem Material müssen auch Zeitzeugen - Ärzte, Pflegepersonal und Patienten - ausfindig gemacht werden. Nach einem Jahr soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden, nach zwei Jahren dann der Endbericht.

Gschichte der Malariatherapie

1927 bekam der nicht zuletzt wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus umstrittene Psychiater Julius Wagner-Jauregg den Nobelpreis für die Entdeckung, dass eine Fiebertherapie die Progressive Paralyse als Spätfolge einer nicht auskurierten Syphilis in den Griff bekommen kann.

Die Progressive Paralyse bezeichnet fortschreitende motorische Ausfälle einer oder mehrerer Körperregionen. Für die Auslösung der Fieberschübe injizierte der Psychiater seinen Patienten mit dem Malaria-Erreger Plasmodium vivax infiziertes Blut.

Zwar wurde Penicillin bereits 1928 entdeckt, doch bis in die 1940er Jahre hinein wurden Antibiotika zur Bekämpfung der Syphilis nicht eingesetzt. Die Malariatherapie war damals medizinischer State of the Art.

Doch nicht nur bei Syphilis war die Fiebertherapie im Einsatz. Sie zog vielmehr in der Psychiatrie und anderen medizinischen Fachgebieten bei damals sonst unheilbaren Erkrankungen weite Kreise, zumindest bei Experimenten an Menschen.

So gab es in psychiatrischen Krankenhäusern während des Nationalsozialismus Versuche bei Schizophrenie, in NS-Konzentrationslagern an Häftlingen und Kriegsgefangenen auch gegen Tuberkulose. Die beteiligten Mediziner landeten wegen systematischer Versuche an Menschen zumindest teilweise als Kriegsverbrecher auf der Anklagebank des Nürnberger Ärzteprozesses und wurden zu langen Haftstrafen oder gar zum Tode verurteilt.

Bei den künstlich hervorgerufenen Fieberschüben wurden durchaus positive Effekte beobachtet. Es bleibt aber strittig, ob dafür die Hyperthermie (hohes Fieber) selbst oder vorübergehende immunologische Reaktionen oder beide Phänomene verantwortlich waren.

 

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben